Was Wim und Wanda alles können

Geschwister können wie Pech und Schwefel zusammenhalten oder sich spinnefeind sein. Oft liegen beide Varianten nah beieinander und wechseln zum Teil innerhalb eines Tages gleich mehrere Male. Zwillinge wie Wim und Wanda unterscheiden sich in diesem Punkt auch nur unwesentlich von anderen Geschwistern. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, auch wenn es keinen nennenswerten Altersunterschied gibt, den man manchmal ganz wunderbar als Erklärung für besondere Fähigkeiten heranziehen kann. Ein „Argument“ übrigens, dass ich als Älteste leider erst entdeckt habe, als ich bereits dem elterlichen Nest entflogen war.

Das aufgeweckte Duo von Heike Herold ist da schon anders unterwegs. Ausgesprochen aufmerksam beobachten die beiden sich und ihre nächsten Anverwandten. An erster Stelle stehen da natürlich Mama und Papa. Und natürlich gibt es Nichts und Niemanden, der oder das Mama und Papa das Wasser reichen kann. Etwas anders sieht es da schon mit den Geschwistern aus. Bruder Willi, älter als die Zwillinge, kann ein paar Dinge besser. Aber nur so wenig, dass es eigentlich gar nicht erwähnenswert ist. Baby Wilma hingegen „kann fast Nichts“, ist im „schreien, trinken und schnullern“, jedoch einsame Spitze. Mit dem typischen Kinderblick, dem so gut wie kein Detail entgeht, kommentieren die beiden auch Oma und Opa, den Nachbar Herrn Arendt, Onkel Gregor und andere Menschen, die Teil ihres Alltags sind. Das Ergebnis ihrer Betrachtungen ist ausgesprochen witzig, lädt dabei aber auch zum Nachdenken ein. Zu guter letzt ist das ganze Buch eine wunderbare Aufforderung über sich und die Dinge, die man besonders gut oder nur so mittel gut kann nachzudenken. Ebenso wie über die Dinge, die man besonders gerne oder gar nicht mag.

Buchtipp von Minea Süss

Ab drei Jahre.

Herold, Heike: Was Wim und Wanda alles können, Beltz, 2019, € 12,95.

Immer kommt mir das Leben dazwischen

Karl, dreizehn Jahre alt, Einzelkind, Spross betont unaufgeregter Akademikereltern, Durchschnittsschüler, verliebt in Nachbarin und Klassenkameradin Irina, ist immer noch damit beschäftigt, den vollkommen unerwarteten Tod seines Opas zu verarbeiten. Der Opa erweist sich im Jenseits jedoch mindestens so unternehmungslustig wie im Leben und erscheint dem Enkel im Traum, um ihm konkrete Vorschläge für seine Zukunft zu machen. Die Autorin Kathrin Schrocke lässt den alten Herrn dreimal zu Wort kommen. Ganz am Anfang, was dazu führt, dass Karl tatsächlich den Vorschlag Youtube-Star zu werden aufgreift, ungefähr in der Mitte der Geschichte, wo es sich als Notwendig erweist, der Oma bei der Umsetzung des Projekts Mehrgenerationenhaus tatkräftig unter die Arme zu greifen und am Ende, wo schließlich alles so ist, wie es sein soll. Und dazwischen? Ja dazwischen tobt das wahre Leben, ohne das Karl darauf Einfluss nehmen könnte. Einmal angestoßen entwickeln die Dinge eine Eigendynamik, die ihresgleichen sucht. Mit unnachahmlichem Charme, einer überlebensnotwendigen Portion Selbstironie und Sinn für die unfreiwillig komischen Höhen und Tiefen des Lebens, erzählt uns Karl aus seinem immer chaotischer werdenden Alltag. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Mehrgenerationenhaus, in das Karls Oma mit der heimlichen Unterstützung ihrer drei Enkelsöhne einzieht. Aufgrund einer Ehekrise tummelt sich Karls Vater unerwartet ebenfalls im Haus Fidibus und wird praktisch über Nacht  Zimmernachbar der eigenen Schwiegermutter. Was sich überzogen und konstruiert anhört, wird höchst amüsant und kurzweilig erzählt. Die Sicht des dreizehnjährigen überzeugt durch ihre Unbedarftheit. Wunderbar ist auch der enge Kontakt zu den Zwillingscousins und deren Begabung grandiose bis halsbrecherische Lösungsansätze aus dem Hut zu zaubern.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Schrocke, Kathrin: Immer kommt mir das Leben dazwischen, Mixtvision, 2019, € 14,00.

Matti kann schon fast alles

Nichte Nummer Zwei ist im besten „das kann ich schon alleine“ – Alter. Für mich ist es immer wieder aufs Neue faszinierend zu sehen, was kleine Menschen innerhalb von kurzer Zeit können und mit wieviel Inbrunst sie alles daran setzen, um zum Ziel zu kommen. So gilt es im Garten meiner Eltern z. B. eine Stufe zu überwinden, will man mit dem Puppenwagen die große Runde im Garten drehen. Mit wachsamen Tantenblick stand ich einsatzbereit an einer strategisch günstigen Stelle. Die Nichte würdigte mich keines Blickes und wuchtete mit mir unerklärlichem Kraftaufwand den Wagen samt Inhalt über das vermeintliche Hindernis. Kaum war dies geschafft, traf mich ein triumphierender Blick, die Schultern strafften sich und erhobenen Hauptes stolzierte man an mir vorbei.

Manchmal ist es aber auch so, dass die Eltern meinen, der Nachwuchs könne bestimmte Dinge schon selber. Seit Mattis kleine Schwester Ida auf der Welt ist, sagt Mattis Mutter ständig er sei doch schon ein großer Junge und könne sich alleine die Jacke zuknöpfen, die Gummistiefel anziehen oder alleine auf Toilette gehen. So gerne Matti auch alleine die Milch ins Müsli kippt,  sich die Keksdose angelt und sich selber Bilderbücher vorliest, so wünscht er sich doch manchmal die Hilfe von Mama oder Papa. Was Matti erlebt, spricht wahrscheinlich vielen Geschwisterkindern aus der Seele. Das jüngere Geschwister benötigt eben mehr Aufmerksamkeit und Hilfe. Da hat man es als der große Bruder oder die große Schwester eben nicht leicht. Matti ist dann auch ziemlich verstimmt, als die kleine Schwester einmal mehr dafür sorgt, dass seine Mutter ihn wieder mit einer schwierigen Sache alleine lässt. Am Ende ist die Welt aber wieder in Ordnung und Matti ein zufriedener großer Bruder.

Buchtipp von Minea Süss

Ab drei Jahre.

Peacock, Lou; Pam, Christine: Matti kann schon fast alles, Thienemann, 2019,  13,00.

Z wie Zorro

Um Gutes zu tun braucht es manchmal nicht nur Mut, sondern auch eine gehörige Portion Einfallsreichtum. Luna verfügt aber nicht nur über Mut und säckeweise Ideen, nein sie hat auch das notwendige Quentchen Widerspruchsgeist, das man hin und wieder benötigt, wenn man Handlungsbedarf zum Helfen erkennt.

Elias freundet sich recht schnell mit dem neuen Mädchen in der Klasse an. Luna ist nicht nur freundlich, sie erkennt auch blitzschnell, wenn etwas Ungerechtes im Gange ist. Das selbstbewusste Mädchen setzt sich für andere ein und imponiert damit unbewusst dem eher zaghaften und schüchternen Elias. Zusammen sind sie schnell ein unschlagbares Team. Doch wer steckt hinter den unglaublichen Heldentaten, die plötzlich überall passieren? Sollte tatsächlich Zorro, der Rächer der Enterbten und Hilflosen in der Stadt sein? Schließlich prangt auf einmal überall da ein großes Z, wo etwas Außergewöhnliches passiert. Elias merkt schnell, dass der markante Buchstabe überall da auftaucht, wo auch Luna in der Nähe ist. Nun sind die detektivischen Fähigkeiten von Elias gefordert. Bevor er aber dem Geheimnis von Luna auf die Spur kommt, muss er plötzlich selber aktiv werden und unter Aufbietung aller Kräfte dafür sorgen, dass sein Leih-Opa Kurt in seinem Haus wohnen blieben darf. Matthias Morgenroth erzählt eine warmherzige Geschichte vom Wert der Freundschaft zwischen verschiedenen Menschen und unterschiedlichen Generationen und von dem beglückenden Gefühl sich für etwas stark zu machen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 9 Jahre.

Morgenroth, Matthias: Z wie Zorro, Coppenrath, 2019, €13,00.

Als die Grossen klein waren – Ein Album verschwundener Dinge!

Als Tante ist man, ob man will oder nicht, ein Relikt aus einer anderen Zeit. Dass der Altersunterschied zu den Eltern ausgesprochen gering ausfällt, ist meinen Nichten und dem Neffen noch nicht bewusst. Insgesamt lässt sich ein Interesse an Zeitbegriffen und dem Alter bestimmter Personen im Moment bei der ältesten Nichte (gerade fünf geworden) beobachten. Die Antwort auf die Frage, wie alt der angeheiratete Onkel sei (40) wurde prompt mit der Bemerkung: „Ganz schön alt, dann ist der ja fast tot.“ kommentiert. Ich, drei Jahre älter als besagter Onkel, durfte im Reich der Lebenden bleiben, wurde aber ausgiebig darauf hingewiesen, dass ich schon seeeehr alt sei.

Mit Blick auf den aktuellen Stand der Technik und meinen Fähigkeiten damit umzugehen bin ich in der Tat nahezu ein Dinosaurier. Für die Nichten und den Neffen ist das Smartphone schon jetzt ein Gegenstand, um deren Multifunktionalität sie sehr genau wissen. Ob das nun gut ist oder nicht, sei dahingestellt. Till Penzek und Julia Neuhaus tragen mit ihrem „Album verschwundener Dinge“ dazu bei, gemeinsam mit den Kindern in die Vergangenheit zu reisen und zu schauen, wie es früher war. Wehmütig und amüsiert stellt man dann fest, dass ein modernes Smartphone eine ganze Reihe verschiedener Geräte ersetzt. Zum Glück sind nicht alle davon ausgestorben. Die Taschenlampe erfreut sich in sämtlichen Varianten großer Beliebtheit. Der Reisewecker hingegen ist kaum noch anzutreffen. Diaabende finden heute allenfalls bei Oma und Opa statt, um den Enkeln zu zeigen, wie schön es früher war. Beim Blättern in diesem unterhaltsamen Buch können groß und klein wunderbar Geschichten erzählen, Fragen stellen und sich an den witzigen Illustrationen erfreuen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Penzek, Till, Neuhaus, Julia: Als die Grossen klein waren – Ein Album verschwundener Dinge, Nilpferd, 2019, € 16,95.

Samantha Spinner – Mit Schirm, Charme und Karacho

Die Zielgruppe der ab Zehnjährigen aufwärts, wird bei dem Untertitel von Samantha Spinner wohl kaum an die britische Kult Agentenserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ denken, dem erwachsenen Leser drängt sich dieser Zusammenhang natürlich sofort auf. Angesichts der Flut an Agenten-, Detektiv- und Abenteuergeschichten, stellt sich allenfalls eher die Frage, ob die Buchwelt nun auch noch eine Figur namens Samantha Spinner braucht. Die Antwort lautet ganz eindeutig ja. Was gibt es besseres, als eine spannende und absurd komische Geschichte, wenn die Sommerferien unmittelbar bevorstehen? Das quirlige und von beneidenswerter Entdeckerlust geprägte Geschwisterduo Nipper und Samantha will das Verschwinden des heiß geliebten Onkel Paul nicht hinnehmen. Nicht nur mit den allmorgendlichen Waffeln, sondern auch mit dem verlässlich jeden Tag mit lässiger Selbstverständlichkeit getragenen karierten Pyjama ist der Onkel eine verlässliche Größe im Leben seiner zwei Nichten und des Neffen. Über der Garage wohnend, lebt er zudem in unmittelbarer Nähe und ist immer da. Eines Tages jedoch ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Lediglich ein Brief unter dem Waffeleisen deutet auf ein geplantes Verschwinden hin. Zur Überraschung aller hinterlässt er der ältesten Nichte mehrere Milliarden zum Shoppen, Neffe Nipper erhält eine ganze Footballmannschaft nebst Stadion und Samantha bekommt einen roten Regenschirm. Angesichts des abgenutzten Schirms ist die Stimmung des sonst so fröhlichen Mädchens kurzfristig etwas gedämpft, was sich in herrlich hochtrabend, melancholischen Tagebucheinträgen äußert. Dies ändert sich innerhalb von Sekunden, als Nipper auf der Innenseite des Schirms einen Plan mit weltweit verteilten Sehenswürdigkeiten entdeckt. Nun hat sich bestätigt, was die Kinder die ganze Zeit wussten. Über den Brief hinaus hat Onkel Paul noch eine andere Botschaft hinterlassen und die gilt es nun zu entschlüsseln. Der Spaß ist dabei für alle Beteiligten garantiert.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 10 Jahre.

Ginns, Russell: Samantha Spinner – Mit Schirm, Charme und Karacho, Arena, 2019, € 12,00.

Wir gehen in die Schule! Von Kenia bis Amerika

Der Weg in die Grundschule erforderte in meiner Kindheit einen ca. 3 km langen Fußmarsch über Kuhweiden, ein Stück Straße und am Ende ging es auch noch eine ganze Weile durch den Wald. Natürlich sind wir diese Strecke nicht jeden Tag gelaufen. Es gab einen Schulbus, der die Kinder morgens einsammelte und Mittags wieder zurück brachte. Dieser Service funktionierte im Sommer ganz wunderbar, im Winter kam es immer wieder vor, dass der Bus es nicht zur ersten Stunde schaffte, da die Straßen noch nicht geräumt waren. In diesem Fall wurden die Schulranzen auf den Schlitten gepackt und der Weg zur Schule zu Fuß angetreten. Wenn ich heute durch das morgendliche Dottendorf gehe und vor der Grundschule den freundlichen Polizist treffe, der dafür sorgt, dass kein Verkehrschaos durch auf der Straße parkende Elternautos entsteht, habe ich jedes Mal das Gefühl meine Kindheit liege ein ganzes Menschenleben oder länger zurück.

Ein Blick in das Bilderbuchsachbuch von Lena Schaffner zeigt nicht nur wie Kinder in den unterschiedlichsten Regionen der Erde zur Schule kommen sondern auch, was Kinder auf sich nehmen, um überhaupt am Unterricht teilnehmen zu können. Anhand von sieben Beispielen, erfahren wir in Wort und Bild wissenswertes über das jeweilige Land, das Alltagsleben, Frühstücksgewohnheiten, den Schulweg und die Organisation der Schule. In Gestalt einer kleinen Tafel werden uns für jedes Land zusätzlich sieben Begriffe auf deutsch und in der Landessprache gezeigt. Auf einer großen Doppelseite lädt ein Bildausschnitt des Schulweges zum nachdenken und erzählen ein. Kommt hinter den großen, aus dem Wasser ragenden Felsen womöglich eine Stromschnelle, die das Kanu der Kinder ins wanken bringt? Sind im Wasser Krokodile, die gefährlich werden können? Ein Buch für die ganze Familie und nicht nur zum Schulanfang.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Schaffer, Lena: Wir gehen zur Schule! Von Kenia bis Amerika, Gerstenberg, 2019, € 15,00.

Faironomics – Ökologisch, Fair und Frei

Wie so oft im Leben lohnt sich bei diesem Titel nicht nur der zweite Blick, sondern in erste Linie die Lektüre. Als ich das Buch zum ersten Mal wahrgenommen habe, habe ich innerlich die Augen verdreht und es in die Schublade „Trittbrettfahrer“ gesteckt. Auf dem Weg an den Niederrhein stand ich dann kürzlich in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung vor einem ganzen Stapel des von mir schmählich missachteten Titels und ertappte mich dabei, wie ich plötzlich höchst interessiert blätterte und blätterte. Wohlwissend, dass besagtes Buch im Bestand des „kleinen ladens“ e. V. ist, hatte ich aus dem Nichts das Gefühl, ich könnte ohne dieses Buch unmöglich weiterfahren. Also trug ich es zur Kasse und freute mich königlich über die erworbene Reiselektüre.

Bereut habe ich diesen Sportankauf keine Sekunde. Das Autorenpaar Ilona Koglin und Marek Rohde lässt uns in einem persönlichen Erfahrungsbericht an einem mehrere Jahre dauernden Prozess teilhaben, der ausgehend von ihrer inneren Haltung und dem daraus resultierenden Infrage stellen des eigenen Handelns schließlich ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat. Lange vor der „Fridays for Future“ – Bewegung haben die beiden angefangen zu überlegen, was sie auf Arbeits- und Privatebene ändern können, um die Welt ein Stück besser zu machen. Was sich hier nach verschwurbelter Öko- bzw. Sozialromantik anhört, entpuppt sich als knallharte Arbeit an sich selber und dem bewussten Inkaufnehmen immer wieder Anzuecken und sich von vielem zu trennen, was gesamtgesellschaftlich gesehen immer noch als unabdingbar gilt. Parallel zu ihren eigenen Erfahrungen kriegt der Leser konkrete Anleitungen an die Hand, wie er selber anfangen kann, diesen Weg zu beschreiten. Die zahlreichen Kurzporträts von Menschen, die ebenfalls aktiv geworden sind zeigen, dass wirklich jeder etwas bewirken kann.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Koglin, Ilona; Rohde, Marek: Faironomics – Ökologisch, Fair und Frei, DTV, 2019, € 16,90.

Alles andere als normal

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an und gegensätzlicher als Jule und Lukas kann man gar nicht sein. Aus dem Reiz der Andersartigkeit ergibt sich somit eine fast magische Anziehung, die bei allen Gegensätzen und Hürden, die es zu überwinden gilt, schließlich in einer unverbrüchlichen Freundschaft mündet. Bis aus der anfänglichen Faszination für die selbstbewusste Jule, die in keiner Situation um eine Antwort oder Ausrede verlegen ist, echte Freundschaft wird und unter der rauen Schale der weiche und verletzliche Kern des Mädchens hervor tritt, dauert es jedoch eine ganze Weile. Lukas, der in seiner Selbstwahrnehmung durchaus an manchen Stellen das Klischee des typischen Einzelkindes erfüllt, lässt sich anfangs zwar von der Unverfrorenheit des Mädchens in Bann ziehen, merkt aber recht schnell, dass sich hinter Jules verrückten Ideen mehr verbirgt als pure Langeweile und Geltungssucht. In Tragik komischer Manier führt Jules Leidenschaft für Spionagespiele schließlich zu einer ungeahnten und unbequemen Entdeckung, die auch Lukas den Atem stocken lässt. Ungewollt decken die beiden die unlauteren Machenschaften von Jules Bruder auf. In den Grundfesten ihrer selbst erschüttert, geht es plötzlich um die Frage, wie man mit diesem Wissen umgeht, wem oder was man verpflichtet ist. Ohne den erhobenen Zeigefinger lässt der Autor seine Figuren eine Lösung in dem Chaos aus Gefühlen und unabänderlichen Tatsachen finden. Dazu gehört auch, dass man am Ende erkennen muss, das die Wahrheit nicht immer eindeutig zu benennen ist und es mehr gibt als schwarz und weiß Malerei.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Isermeyer, Jörg: Alles andere als normal, Gulliver, 2016, € 7,95.

Müll – Alles über die lästigste Sache der Welt

Mein Bemühen weniger Müll zu produzieren zeigt an manchen Stellen mittlerweile deutlich Wirkung, an anderen wiederum ist noch Luft nach oben. Angesichts meines beträchtlichen Verbrauchs an Tempotaschentüchern werde ich jetzt zum guten alten Stofftaschentuch zurückkehren. Ärgerlich, dass die hübsch bestickten von Oma nicht mehr existent sind. Hoffe jetzt auf die der Nichte zugeneigten Tanten, die sich von den gut gehüteten Stapeln blütenweißer Stofftücher, die seit Jahren in diversen Schubladen in tiefem Dornröschenschlaf liegen, großzügig trennen.

Das Thema Müll als solcher und insbesondere Plastikmüll ist in aller Munde und fast hat man das Gefühl, es sei bereits alles gesagt. Nach der Lektüre des hervorragend auf den Punkt gebrachten Buches von Gerda Raidt bin ich zu der Auffassung gelangt, dass man gar nicht genug davon reden, schreiben und in welcher Form auch immer davon berichten kann. Denn Müll ist nicht gleich Müll, also im Sinne von Abfall. Entscheidend ist an dieser Stelle die Perspektive, mit der man auf die Dinge, die man nicht mehr haben möchte schaut. Vieles ist noch brauchbar und kann weiter verwendet werden. Gut verständlich in Wort und Bild, erzählt die Autorin in dem schmalen Band nicht nur die Geschichte von Müllbergen, sondern sie erzählt auch, wie es dazu gekommen ist. Im eigentlichen Sinn ist es eine Geschichte unserer Zivilisation und des damit zusammenhängenden, Konsums. Die Formel am Ende lautet schlicht: Je größer der Konsum, desto größer auch der Müllberg. Da liegt natürlich die Frage nahe, wie das eigentlich früher war. Auch diesen Aspekt bindet die Autorin unaufdringlich in ihre Betrachtungen mit ein. Die Texte sind dabei so kurz und übersichtlich gehalten, dass sie sowohl inhaltlich als auch vom Druckbild für Leseanfänger ab der zweiten Klasse geeignet sind.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 7 Jahre.

Raidt, Gerda: Müll – Alles über die lästigste Sache der Welt, Beltz und Gelberg, 2019,€ 14,95