Als die Grossen klein waren – Ein Album verschwundener Dinge!

Als Tante ist man, ob man will oder nicht, ein Relikt aus einer anderen Zeit. Dass der Altersunterschied zu den Eltern ausgesprochen gering ausfällt, ist meinen Nichten und dem Neffen noch nicht bewusst. Insgesamt lässt sich ein Interesse an Zeitbegriffen und dem Alter bestimmter Personen im Moment bei der ältesten Nichte (gerade fünf geworden) beobachten. Die Antwort auf die Frage, wie alt der angeheiratete Onkel sei (40) wurde prompt mit der Bemerkung: „Ganz schön alt, dann ist der ja fast tot.“ kommentiert. Ich, drei Jahre älter als besagter Onkel, durfte im Reich der Lebenden bleiben, wurde aber ausgiebig darauf hingewiesen, dass ich schon seeeehr alt sei.

Mit Blick auf den aktuellen Stand der Technik und meinen Fähigkeiten damit umzugehen bin ich in der Tat nahezu ein Dinosaurier. Für die Nichten und den Neffen ist das Smartphone schon jetzt ein Gegenstand, um deren Multifunktionalität sie sehr genau wissen. Ob das nun gut ist oder nicht, sei dahingestellt. Till Penzek und Julia Neuhaus tragen mit ihrem „Album verschwundener Dinge“ dazu bei, gemeinsam mit den Kindern in die Vergangenheit zu reisen und zu schauen, wie es früher war. Wehmütig und amüsiert stellt man dann fest, dass ein modernes Smartphone eine ganze Reihe verschiedener Geräte ersetzt. Zum Glück sind nicht alle davon ausgestorben. Die Taschenlampe erfreut sich in sämtlichen Varianten großer Beliebtheit. Der Reisewecker hingegen ist kaum noch anzutreffen. Diaabende finden heute allenfalls bei Oma und Opa statt, um den Enkeln zu zeigen, wie schön es früher war. Beim Blättern in diesem unterhaltsamen Buch können groß und klein wunderbar Geschichten erzählen, Fragen stellen und sich an den witzigen Illustrationen erfreuen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Penzek, Till, Neuhaus, Julia: Als die Grossen klein waren – Ein Album verschwundener Dinge, Nilpferd, 2019, € 16,95.

Samantha Spinner – Mit Schirm, Charme und Karacho

Die Zielgruppe der ab Zehnjährigen aufwärts, wird bei dem Untertitel von Samantha Spinner wohl kaum an die britische Kult Agentenserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ denken, dem erwachsenen Leser drängt sich dieser Zusammenhang natürlich sofort auf. Angesichts der Flut an Agenten-, Detektiv- und Abenteuergeschichten, stellt sich allenfalls eher die Frage, ob die Buchwelt nun auch noch eine Figur namens Samantha Spinner braucht. Die Antwort lautet ganz eindeutig ja. Was gibt es besseres, als eine spannende und absurd komische Geschichte, wenn die Sommerferien unmittelbar bevorstehen? Das quirlige und von beneidenswerter Entdeckerlust geprägte Geschwisterduo Nipper und Samantha will das Verschwinden des heiß geliebten Onkel Paul nicht hinnehmen. Nicht nur mit den allmorgendlichen Waffeln, sondern auch mit dem verlässlich jeden Tag mit lässiger Selbstverständlichkeit getragenen karierten Pyjama ist der Onkel eine verlässliche Größe im Leben seiner zwei Nichten und des Neffen. Über der Garage wohnend, lebt er zudem in unmittelbarer Nähe und ist immer da. Eines Tages jedoch ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Lediglich ein Brief unter dem Waffeleisen deutet auf ein geplantes Verschwinden hin. Zur Überraschung aller hinterlässt er der ältesten Nichte mehrere Milliarden zum Shoppen, Neffe Nipper erhält eine ganze Footballmannschaft nebst Stadion und Samantha bekommt einen roten Regenschirm. Angesichts des abgenutzten Schirms ist die Stimmung des sonst so fröhlichen Mädchens kurzfristig etwas gedämpft, was sich in herrlich hochtrabend, melancholischen Tagebucheinträgen äußert. Dies ändert sich innerhalb von Sekunden, als Nipper auf der Innenseite des Schirms einen Plan mit weltweit verteilten Sehenswürdigkeiten entdeckt. Nun hat sich bestätigt, was die Kinder die ganze Zeit wussten. Über den Brief hinaus hat Onkel Paul noch eine andere Botschaft hinterlassen und die gilt es nun zu entschlüsseln. Der Spaß ist dabei für alle Beteiligten garantiert.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 10 Jahre.

Ginns, Russell: Samantha Spinner – Mit Schirm, Charme und Karacho, Arena, 2019, € 12,00.

Wir gehen in die Schule! Von Kenia bis Amerika

Der Weg in die Grundschule erforderte in meiner Kindheit einen ca. 3 km langen Fußmarsch über Kuhweiden, ein Stück Straße und am Ende ging es auch noch eine ganze Weile durch den Wald. Natürlich sind wir diese Strecke nicht jeden Tag gelaufen. Es gab einen Schulbus, der die Kinder morgens einsammelte und Mittags wieder zurück brachte. Dieser Service funktionierte im Sommer ganz wunderbar, im Winter kam es immer wieder vor, dass der Bus es nicht zur ersten Stunde schaffte, da die Straßen noch nicht geräumt waren. In diesem Fall wurden die Schulranzen auf den Schlitten gepackt und der Weg zur Schule zu Fuß angetreten. Wenn ich heute durch das morgendliche Dottendorf gehe und vor der Grundschule den freundlichen Polizist treffe, der dafür sorgt, dass kein Verkehrschaos durch auf der Straße parkende Elternautos entsteht, habe ich jedes Mal das Gefühl meine Kindheit liege ein ganzes Menschenleben oder länger zurück.

Ein Blick in das Bilderbuchsachbuch von Lena Schaffner zeigt nicht nur wie Kinder in den unterschiedlichsten Regionen der Erde zur Schule kommen sondern auch, was Kinder auf sich nehmen, um überhaupt am Unterricht teilnehmen zu können. Anhand von sieben Beispielen, erfahren wir in Wort und Bild wissenswertes über das jeweilige Land, das Alltagsleben, Frühstücksgewohnheiten, den Schulweg und die Organisation der Schule. In Gestalt einer kleinen Tafel werden uns für jedes Land zusätzlich sieben Begriffe auf deutsch und in der Landessprache gezeigt. Auf einer großen Doppelseite lädt ein Bildausschnitt des Schulweges zum nachdenken und erzählen ein. Kommt hinter den großen, aus dem Wasser ragenden Felsen womöglich eine Stromschnelle, die das Kanu der Kinder ins wanken bringt? Sind im Wasser Krokodile, die gefährlich werden können? Ein Buch für die ganze Familie und nicht nur zum Schulanfang.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Schaffer, Lena: Wir gehen zur Schule! Von Kenia bis Amerika, Gerstenberg, 2019, € 15,00.

Faironomics – Ökologisch, Fair und Frei

Wie so oft im Leben lohnt sich bei diesem Titel nicht nur der zweite Blick, sondern in erste Linie die Lektüre. Als ich das Buch zum ersten Mal wahrgenommen habe, habe ich innerlich die Augen verdreht und es in die Schublade „Trittbrettfahrer“ gesteckt. Auf dem Weg an den Niederrhein stand ich dann kürzlich in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung vor einem ganzen Stapel des von mir schmählich missachteten Titels und ertappte mich dabei, wie ich plötzlich höchst interessiert blätterte und blätterte. Wohlwissend, dass besagtes Buch im Bestand des „kleinen ladens“ e. V. ist, hatte ich aus dem Nichts das Gefühl, ich könnte ohne dieses Buch unmöglich weiterfahren. Also trug ich es zur Kasse und freute mich königlich über die erworbene Reiselektüre.

Bereut habe ich diesen Sportankauf keine Sekunde. Das Autorenpaar Ilona Koglin und Marek Rohde lässt uns in einem persönlichen Erfahrungsbericht an einem mehrere Jahre dauernden Prozess teilhaben, der ausgehend von ihrer inneren Haltung und dem daraus resultierenden Infrage stellen des eigenen Handelns schließlich ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat. Lange vor der „Fridays for Future“ – Bewegung haben die beiden angefangen zu überlegen, was sie auf Arbeits- und Privatebene ändern können, um die Welt ein Stück besser zu machen. Was sich hier nach verschwurbelter Öko- bzw. Sozialromantik anhört, entpuppt sich als knallharte Arbeit an sich selber und dem bewussten Inkaufnehmen immer wieder Anzuecken und sich von vielem zu trennen, was gesamtgesellschaftlich gesehen immer noch als unabdingbar gilt. Parallel zu ihren eigenen Erfahrungen kriegt der Leser konkrete Anleitungen an die Hand, wie er selber anfangen kann, diesen Weg zu beschreiten. Die zahlreichen Kurzporträts von Menschen, die ebenfalls aktiv geworden sind zeigen, dass wirklich jeder etwas bewirken kann.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Koglin, Ilona; Rohde, Marek: Faironomics – Ökologisch, Fair und Frei, DTV, 2019, € 16,90.

Alles andere als normal

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an und gegensätzlicher als Jule und Lukas kann man gar nicht sein. Aus dem Reiz der Andersartigkeit ergibt sich somit eine fast magische Anziehung, die bei allen Gegensätzen und Hürden, die es zu überwinden gilt, schließlich in einer unverbrüchlichen Freundschaft mündet. Bis aus der anfänglichen Faszination für die selbstbewusste Jule, die in keiner Situation um eine Antwort oder Ausrede verlegen ist, echte Freundschaft wird und unter der rauen Schale der weiche und verletzliche Kern des Mädchens hervor tritt, dauert es jedoch eine ganze Weile. Lukas, der in seiner Selbstwahrnehmung durchaus an manchen Stellen das Klischee des typischen Einzelkindes erfüllt, lässt sich anfangs zwar von der Unverfrorenheit des Mädchens in Bann ziehen, merkt aber recht schnell, dass sich hinter Jules verrückten Ideen mehr verbirgt als pure Langeweile und Geltungssucht. In Tragik komischer Manier führt Jules Leidenschaft für Spionagespiele schließlich zu einer ungeahnten und unbequemen Entdeckung, die auch Lukas den Atem stocken lässt. Ungewollt decken die beiden die unlauteren Machenschaften von Jules Bruder auf. In den Grundfesten ihrer selbst erschüttert, geht es plötzlich um die Frage, wie man mit diesem Wissen umgeht, wem oder was man verpflichtet ist. Ohne den erhobenen Zeigefinger lässt der Autor seine Figuren eine Lösung in dem Chaos aus Gefühlen und unabänderlichen Tatsachen finden. Dazu gehört auch, dass man am Ende erkennen muss, das die Wahrheit nicht immer eindeutig zu benennen ist und es mehr gibt als schwarz und weiß Malerei.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Isermeyer, Jörg: Alles andere als normal, Gulliver, 2016, € 7,95.

Müll – Alles über die lästigste Sache der Welt

Mein Bemühen weniger Müll zu produzieren zeigt an manchen Stellen mittlerweile deutlich Wirkung, an anderen wiederum ist noch Luft nach oben. Angesichts meines beträchtlichen Verbrauchs an Tempotaschentüchern werde ich jetzt zum guten alten Stofftaschentuch zurückkehren. Ärgerlich, dass die hübsch bestickten von Oma nicht mehr existent sind. Hoffe jetzt auf die der Nichte zugeneigten Tanten, die sich von den gut gehüteten Stapeln blütenweißer Stofftücher, die seit Jahren in diversen Schubladen in tiefem Dornröschenschlaf liegen, großzügig trennen.

Das Thema Müll als solcher und insbesondere Plastikmüll ist in aller Munde und fast hat man das Gefühl, es sei bereits alles gesagt. Nach der Lektüre des hervorragend auf den Punkt gebrachten Buches von Gerda Raidt bin ich zu der Auffassung gelangt, dass man gar nicht genug davon reden, schreiben und in welcher Form auch immer davon berichten kann. Denn Müll ist nicht gleich Müll, also im Sinne von Abfall. Entscheidend ist an dieser Stelle die Perspektive, mit der man auf die Dinge, die man nicht mehr haben möchte schaut. Vieles ist noch brauchbar und kann weiter verwendet werden. Gut verständlich in Wort und Bild, erzählt die Autorin in dem schmalen Band nicht nur die Geschichte von Müllbergen, sondern sie erzählt auch, wie es dazu gekommen ist. Im eigentlichen Sinn ist es eine Geschichte unserer Zivilisation und des damit zusammenhängenden, Konsums. Die Formel am Ende lautet schlicht: Je größer der Konsum, desto größer auch der Müllberg. Da liegt natürlich die Frage nahe, wie das eigentlich früher war. Auch diesen Aspekt bindet die Autorin unaufdringlich in ihre Betrachtungen mit ein. Die Texte sind dabei so kurz und übersichtlich gehalten, dass sie sowohl inhaltlich als auch vom Druckbild für Leseanfänger ab der zweiten Klasse geeignet sind.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 7 Jahre.

Raidt, Gerda: Müll – Alles über die lästigste Sache der Welt, Beltz und Gelberg, 2019,€ 14,95

Mattis und die Sache mit den Schulklos

Der Zustand der Schultoiletten gehört zu den Themen, die nie aus der Mode kommen. Schulklos haben schon in meiner Schulzeit die Gemüter erhitzt und werden es wahrscheinlich auch weiterhin tun. Insofern habe ich mit großem Interesse vor kurzem die Örtlichkeit einer Gesamtschule in Bad Godesberg in Augenschein genommen. Sauber, keine Frage, aber der Geruch vermittelte einem das Gefühl von Kanalisation und die Ausstattung war in ihrer historischen Anmutung interessant, aber mehr auch nicht. Wellnessoasen erwartet sicherlich keiner an gegebenem Ort, aber eine funktionale moderne Ausstattung sollte im Rahmen des Möglichen sein.

Silke Schlichtmann lässt ihre Hauptfigur Mattis eine ausgesprochen enge Verbindung zur Schultoilette aufbauen. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema wird von keinem Geringeren angestossen als dem Schuldirektor persönlich. Wie an vielen Schulen, sind die Toiletten ständig in einem hygienisch äußerst bedenklichen Zustand. Um endlich Abhilfe zu schaffen, werden die Schüler mit eingebunden und gebeten Vorschläge zur Lösung des Problems zu machen. Angesichts der Tatsache, dass die Hecke am Sportplatz als Ersatztoilette herhalten muss, ist Eile geboten. Mattis muss auch gar nicht lange überlegen, um wie aus dem Nichts heraus zu wissen, was zu machen ist. In seinem Tatendrang und getrieben von einer unbändigen Begeisterung manövriert sich Mattis nicht selten ganz in der Manier eines Michel aus Lönneberga in etwas prekäre Situationen. Ausgerechnet in der Deutschstunde setzt er sein Vorhaben die Toiletten zu verschönern um. Mit Blick auf die Uhr ahnt man, dass das Unterfangen einen zeitlich begrenzten Rahmen hat und damit an Hochleistungssport grenzt. Denn mit der Verschönerung allein ist es nicht getan vorher muss erst geputzt werden.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 7 Jahre.

Schlichtmann, Silke: Mattis und die Sache mit den Schulklos, Hanser, 2019, € 10,00.

Die Welt bei Nacht

Wenn es draußen dunkel wird, ist das für Mensch und Tier das Signal zur Ruhe zu kommen und den Tag ausklingen zu lassen. Nachtzeit ist Schlafenszeit und so kuscheln sich alle irgendwann in ihre Decken und schlafen. Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Ich selber gehöre zu den Frühaufstehern und gehe dementsprechend zeitig zu Bett. Menschen, die zu den sogenannten Eulen gehören, sind wie die gefiederten Waldbewohner dann aktiv, wenn andere schlafen. Manche Menschen können sich aus beruflichen Gründen nicht aussuchen, ob sie in der Nacht schlafen oder nicht. In dem abwechslungsreichen Buch von Laura Cowan und Bonnie Pang kann man auf jeder Doppelseite viele spannende, interessante, lustige und außergewöhnliche Informationen über die Nacht in Gestalt von Bildern und kurzen informativen Texten finden. Als Lesende können wir mit dem Buch eine  Nachtwanderung im Kinderzimmer, Wohnzimmer oder wo immer man sich gerade befindet,  machen. Ganz besonderen Spaß bereitet das Buch, wenn man die Lampen ausmacht, die Rollos  runter lässt und mit einer Taschenlampe die Seiten anleuchtet. Auf diese Weise wird schon eine Besonderheit der Nacht deutlich. Man kann nur das sehen, was vom Lichtschein erhellt wird. Alles, was sich im Lichtschatten befindet bleibt unsichtbar. Natürlich könnten wir auch eine echte Nachtwanderung machen, aber wenn man nicht in der Nähe eines Hafens lebt oder in Australien, ist es sehr schwer rauszufinden, was in der Dunkelheit dort so alles passiert.Das Buch macht es auf äußerst bequeme Art möglich an den genannten Orten auf Entdeckungsreise zu gehen. Eines ist auf jeden Fall klar, langweilig ist es in der Nacht fast nirgends. Es passiert eine ganze Menge.

Buchtipp von Minea Süss

Ab vier Jahre.

Pang, Bonnie; Cowan, Laura: Die Welt bei Nacht, Usborne, 2019, € 12,95.

Das ist für Dich

Geschenke erhalten sprichwörtlich nicht nur die Freundschaft, sondern sind in erster Linie dazu da, um Freude zu machen. Genau in dieser Absicht kauft der Fuchs eine hübsche hellblaue Salatschüssel mit bunten Punkten. Gedacht ist die Schüssel für seinen Freund den Hasen. Natürlich geht der Fuchs davon aus, dass seine Gabe nicht nur Freude macht, sondern auch einen praktischen Nutzen hat. Eine Salatschüssel kann man schließlich immer gebrauchen.

Entzückt über das unerwartete Präsent bedankt sich der Hase und führt es auch gleich seiner Verwendung zu. Wer jetzt denkt, der Hase fängt behände an einen Salat zuzubereiten, der irrt. In der Wahrnehmung des Hasen ist die Schüssel nämlich ein Stuhl. Man muss das fröhlich bunte Ding nur umdrehen und schon hat man ein Sitzmöbel. Da im Hasenhaushalt bereits Stühle vorhanden sind, beschließt das freigebige Tier dem Maulwurf eine Freude zu machen. Günther Jakobs erzählt uns mit wenigen Worten und aussagekräftigen witzigen Bildern von der Wanderschaft eines Geschenks, dass von allen als etwas anderes wahrgenommen wird. Alle freuen sich, alle haben bereits eines und alle schenken es großherzig weiter, weil sie es ja nicht doppelt oder dreifach benötigen. Die Absicht des Schenkens und Weitergebens ist immer ehrlich gemeint und kommt von Herzen. Bevor die nächste Seite aufgeschlagen wird, ist man schon gespannt, für was die Schüssel als nächstes gehalten wird. Miträtseln und Staunen sind vor und nach dem Umblättern ein absolutes Muss und erhöhen das Lesevergnügen ungemein. Wo die Schüssel am Ende landet, darf natürlich nicht verraten werden. Nur soviel: es ist eine Überraschung und auch wieder nicht und für Gesprächsbedarf ist auf jeden Fall gesorgt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab drei Jahren.

Jakobs, Günther: Das ist für Dich, Carlsen, 2019, € 13,00.

Der Fall des verschwundenen Lords

Das Sherlock Holmes einen Bruder hat, ist bekannt. Eine um viele Jahre jüngere Schwester hingegen ist der Feder von Nancy Springer entsprungen. Die vierzehnjährige Enola, deren Name von hinten gelesen das Wort alone, also alleine ergibt, sieht sich ausgerechnet an ihrem Geburtstag damit konfrontiert, dass ihre Mutter verschwunden ist. Die beiden Brüder Sherlock und Mycroft hat sie seit dem Tod des Vaters vor zehn Jahren nicht mehr gesehen. Neben der Mutter hat sie einzig in der Haushälterin Mrs. Lane eine Person, die ihr Zuneigung und Fürsorge entgegenbringt. Als vollkommen unerwarteter Nachkömmling ist das Mädchen von Klein auf daran gewohnt als Schandfleck der Familie zu gelten.

Der höchst lesenswerte Krimi ist weniger wegen des entführten Lords, also des Verbrechens interessant und spannend, als aufgrund der eigenständigen und unangepassten Hauptfigur, die mit den Tücken gesellschaftlicher Konventionen zu kämpfen hat. Enola trauert um ihre Mutter, die ihr zwar in Gestalt eines selbstgemachten Büchleins mit Geheimcodes zahlreiche Hinweise zu Verstecken mit Geld hinterlassen hat, aber an keiner Stelle verrät warum sie ihr jüngstes Kind verlassen hat und wo sie sich befindet. Zumindest die Frage nach dem Warum wird Enola im Laufe der Zeit immer klarer. Ihre Mutter wollte sich weder von einem Korsett, noch von engstirnigen Denkmustern einengen lassen. Mit dem zur Seite geschafften Geld gelingt es der Mutter ihrer Nachgeborenen die Möglichkeit sich ebenfalls zu befreien und eigene Wege zu gehen zu eröffnen. Dieser Weg in die Selbstständigkeit ist spannender als jeder Krimi.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahren.

Springer, Nancy: Der Fall des verschwundenen Lords, Knesebeck, 2019, € 15,00.