Das Abrakadabra der Fische

Wer kennt sie nicht, die Familiengeheimnisse, für die man als Kind ein untrügliches Gespür hat, die einen auf Schritt und Tritt verfolgen, wie ein Ohrwurm im Kopf herumschwirren und die unbedingt gelöst werden wollen. Jedes verstummte Gespräch der Erwachsenen, jedes leiser werdende Wort, jedes schnell aus dem Blickfeld  geschobene Ding, das nicht gesehen werden darf, befeuert nur die Phantasie und den erweckten Entdeckerwillen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und Licht in das Dunkel zu bringen.

Vonkie verbringt eine Woche bei ihrem Opa. So viel Zeit hat sie mit dem mitunter mürrischen alten Herrn noch nie verbracht. Aber wenn die Eltern Zeit für sich brauchen, um bestimmte Dinge zu klären, hat man keine Wahl, man muss sich in sein Schicksal fügen. Der auf den ersten Blick langweilig erscheinende alte Bauernhof birgt dann aber doch mehr interessante Dinge, als Vonkie zunächst gedacht hat. Alles fängt mit der Entdeckung an, dass ihr Opa sechs Brüder hat. Sechs! Für das Einzelkind Vonkie ist das unvorstellbar. Fasziniert schaut sie immer wieder auf das Foto mit den sieben Jungen und bittet und bettelt so lange, bis ihr Opa schließlich anfängt zu erzählen. Von der Begeisterung der Enkelin angesteckt, taucht der alte Mann letzten Endes nur zu gerne in die Vergangenheit ein und erzählt von Abenteuern und Streichen aber auch von einem ungeheuerlichen Familiengeheimnis, dessen Entdeckung zum Bruch mit seinem Lieblingsbruder führt. Gleichzeitig erzählt er aber auch von einem Familiengeheimnis aus der Nachbarschaft. Die unschönen Folgen dieser Entdeckung wirken bis in die Gegenwart nach. Vonkie will das nicht gelten lassen und beschließt mit ihrem Cousin den Dingen eine andere Wendung zu geben.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

van der Geest, Simon:Das Abrakadabra der Fische, Thienemann, 2019, € 15,00.

Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen

Berti und seine herrlich schrägen Brüder, von den nicht weniger schrägen Eltern fange ich gar nicht erst an, haben sich auf Anhieb in meiner persönlichen Lieblingsbücherliste einen Platz auf den vorderen Rängen gesichert.

Berti hat es mit seinen fünf Jahren nicht leicht. Gleich drei ältere Brüder hat ihm das Schicksal zur Seite gestellt und die sind auch noch deutlich älter als er. Zehn, elf und zwölf Jahre, um genau zu sein.  Jetzt könnte man meinen, dass die Herren Brüder mit soviel mehr Lebensjahren auch deutlich mehr Lebenserfahrung oder gar Lebensweisheit besitzen als Berti. Weit gefehlt. Einzig der Vorrat an wahnwitzigen Ideen ist in einem schier unerschöpflichen Ausmaß vorhanden; bei allen anderen Punkten ist noch ein kleines Bisschen Luft nach oben. Für Abwechslung ist also auf jeden Fall gesorgt. Turbulent wird es aber in dem Moment, wo Mutter Hilde beschließt in einer Sommerferienwoche endlich ihre Doktorarbeit zu beenden. Damit das auch gelingt, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein. Da Mütter aber bekanntlich besser hören als ein Luchs, werden nach jedem „Missgeschick“ die Übeltäter namentlich herbeigerufen und mit Sonderaufgaben betraut. Da das Projekt „Schokoladenkugel des Bösen“ allerdings alle Aufmerksamkeit und Energie der drei älteren Jungen erfordert, bleibt der Gartenzaun ungestrichen, die Auffahrt und Beete ungejätet, die ….. . Zu Bertis großem Verdruss lassen sich die Brüder nicht davon abbringen im schönsten Süßigkeitenladen der Straße die große Schokokugel aus dem Schaufenster zu entwenden. Ganz schön viel zu tun für einen fünfjährigen. Denn irgendjemand muss ja rettend zur Tat schreiten, wenn der absolut erfolgversprechende Plan B wieder schiefgegangen ist. Am Ende des ganzen Schlamassels hat sich Berti das von den Brüdern liebevoll aus Papas Sporthemd und dem roten Duschvorhang gebastelte Superheldenkostüm redlich verdient. Echte Brüder halten eben zusammen wie Pech und Schwefel.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Dickreiter, Lisa-Marie; Götz, Andreas: Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen, Oetinger, 2019, € 13,00.

Was Wim und Wanda alles können

Geschwister können wie Pech und Schwefel zusammenhalten oder sich spinnefeind sein. Oft liegen beide Varianten nah beieinander und wechseln zum Teil innerhalb eines Tages gleich mehrere Male. Zwillinge wie Wim und Wanda unterscheiden sich in diesem Punkt auch nur unwesentlich von anderen Geschwistern. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, auch wenn es keinen nennenswerten Altersunterschied gibt, den man manchmal ganz wunderbar als Erklärung für besondere Fähigkeiten heranziehen kann. Ein „Argument“ übrigens, dass ich als Älteste leider erst entdeckt habe, als ich bereits dem elterlichen Nest entflogen war.

Das aufgeweckte Duo von Heike Herold ist da schon anders unterwegs. Ausgesprochen aufmerksam beobachten die beiden sich und ihre nächsten Anverwandten. An erster Stelle stehen da natürlich Mama und Papa. Und natürlich gibt es Nichts und Niemanden, der oder das Mama und Papa das Wasser reichen kann. Etwas anders sieht es da schon mit den Geschwistern aus. Bruder Willi, älter als die Zwillinge, kann ein paar Dinge besser. Aber nur so wenig, dass es eigentlich gar nicht erwähnenswert ist. Baby Wilma hingegen „kann fast Nichts“, ist im „schreien, trinken und schnullern“, jedoch einsame Spitze. Mit dem typischen Kinderblick, dem so gut wie kein Detail entgeht, kommentieren die beiden auch Oma und Opa, den Nachbar Herrn Arendt, Onkel Gregor und andere Menschen, die Teil ihres Alltags sind. Das Ergebnis ihrer Betrachtungen ist ausgesprochen witzig, lädt dabei aber auch zum Nachdenken ein. Zu guter letzt ist das ganze Buch eine wunderbare Aufforderung über sich und die Dinge, die man besonders gut oder nur so mittel gut kann nachzudenken. Ebenso wie über die Dinge, die man besonders gerne oder gar nicht mag.

Buchtipp von Minea Süss

Ab drei Jahre.

Herold, Heike: Was Wim und Wanda alles können, Beltz, 2019, € 12,95.

Immer kommt mir das Leben dazwischen

Karl, dreizehn Jahre alt, Einzelkind, Spross betont unaufgeregter Akademikereltern, Durchschnittsschüler, verliebt in Nachbarin und Klassenkameradin Irina, ist immer noch damit beschäftigt, den vollkommen unerwarteten Tod seines Opas zu verarbeiten. Der Opa erweist sich im Jenseits jedoch mindestens so unternehmungslustig wie im Leben und erscheint dem Enkel im Traum, um ihm konkrete Vorschläge für seine Zukunft zu machen. Die Autorin Kathrin Schrocke lässt den alten Herrn dreimal zu Wort kommen. Ganz am Anfang, was dazu führt, dass Karl tatsächlich den Vorschlag Youtube-Star zu werden aufgreift, ungefähr in der Mitte der Geschichte, wo es sich als Notwendig erweist, der Oma bei der Umsetzung des Projekts Mehrgenerationenhaus tatkräftig unter die Arme zu greifen und am Ende, wo schließlich alles so ist, wie es sein soll. Und dazwischen? Ja dazwischen tobt das wahre Leben, ohne das Karl darauf Einfluss nehmen könnte. Einmal angestoßen entwickeln die Dinge eine Eigendynamik, die ihresgleichen sucht. Mit unnachahmlichem Charme, einer überlebensnotwendigen Portion Selbstironie und Sinn für die unfreiwillig komischen Höhen und Tiefen des Lebens, erzählt uns Karl aus seinem immer chaotischer werdenden Alltag. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Mehrgenerationenhaus, in das Karls Oma mit der heimlichen Unterstützung ihrer drei Enkelsöhne einzieht. Aufgrund einer Ehekrise tummelt sich Karls Vater unerwartet ebenfalls im Haus Fidibus und wird praktisch über Nacht  Zimmernachbar der eigenen Schwiegermutter. Was sich überzogen und konstruiert anhört, wird höchst amüsant und kurzweilig erzählt. Die Sicht des dreizehnjährigen überzeugt durch ihre Unbedarftheit. Wunderbar ist auch der enge Kontakt zu den Zwillingscousins und deren Begabung grandiose bis halsbrecherische Lösungsansätze aus dem Hut zu zaubern.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Schrocke, Kathrin: Immer kommt mir das Leben dazwischen, Mixtvision, 2019, € 14,00.

Matti kann schon fast alles

Nichte Nummer Zwei ist im besten „das kann ich schon alleine“ – Alter. Für mich ist es immer wieder aufs Neue faszinierend zu sehen, was kleine Menschen innerhalb von kurzer Zeit können und mit wieviel Inbrunst sie alles daran setzen, um zum Ziel zu kommen. So gilt es im Garten meiner Eltern z. B. eine Stufe zu überwinden, will man mit dem Puppenwagen die große Runde im Garten drehen. Mit wachsamen Tantenblick stand ich einsatzbereit an einer strategisch günstigen Stelle. Die Nichte würdigte mich keines Blickes und wuchtete mit mir unerklärlichem Kraftaufwand den Wagen samt Inhalt über das vermeintliche Hindernis. Kaum war dies geschafft, traf mich ein triumphierender Blick, die Schultern strafften sich und erhobenen Hauptes stolzierte man an mir vorbei.

Manchmal ist es aber auch so, dass die Eltern meinen, der Nachwuchs könne bestimmte Dinge schon selber. Seit Mattis kleine Schwester Ida auf der Welt ist, sagt Mattis Mutter ständig er sei doch schon ein großer Junge und könne sich alleine die Jacke zuknöpfen, die Gummistiefel anziehen oder alleine auf Toilette gehen. So gerne Matti auch alleine die Milch ins Müsli kippt,  sich die Keksdose angelt und sich selber Bilderbücher vorliest, so wünscht er sich doch manchmal die Hilfe von Mama oder Papa. Was Matti erlebt, spricht wahrscheinlich vielen Geschwisterkindern aus der Seele. Das jüngere Geschwister benötigt eben mehr Aufmerksamkeit und Hilfe. Da hat man es als der große Bruder oder die große Schwester eben nicht leicht. Matti ist dann auch ziemlich verstimmt, als die kleine Schwester einmal mehr dafür sorgt, dass seine Mutter ihn wieder mit einer schwierigen Sache alleine lässt. Am Ende ist die Welt aber wieder in Ordnung und Matti ein zufriedener großer Bruder.

Buchtipp von Minea Süss

Ab drei Jahre.

Peacock, Lou; Pam, Christine: Matti kann schon fast alles, Thienemann, 2019,  13,00.

Z wie Zorro

Um Gutes zu tun braucht es manchmal nicht nur Mut, sondern auch eine gehörige Portion Einfallsreichtum. Luna verfügt aber nicht nur über Mut und säckeweise Ideen, nein sie hat auch das notwendige Quentchen Widerspruchsgeist, das man hin und wieder benötigt, wenn man Handlungsbedarf zum Helfen erkennt.

Elias freundet sich recht schnell mit dem neuen Mädchen in der Klasse an. Luna ist nicht nur freundlich, sie erkennt auch blitzschnell, wenn etwas Ungerechtes im Gange ist. Das selbstbewusste Mädchen setzt sich für andere ein und imponiert damit unbewusst dem eher zaghaften und schüchternen Elias. Zusammen sind sie schnell ein unschlagbares Team. Doch wer steckt hinter den unglaublichen Heldentaten, die plötzlich überall passieren? Sollte tatsächlich Zorro, der Rächer der Enterbten und Hilflosen in der Stadt sein? Schließlich prangt auf einmal überall da ein großes Z, wo etwas Außergewöhnliches passiert. Elias merkt schnell, dass der markante Buchstabe überall da auftaucht, wo auch Luna in der Nähe ist. Nun sind die detektivischen Fähigkeiten von Elias gefordert. Bevor er aber dem Geheimnis von Luna auf die Spur kommt, muss er plötzlich selber aktiv werden und unter Aufbietung aller Kräfte dafür sorgen, dass sein Leih-Opa Kurt in seinem Haus wohnen blieben darf. Matthias Morgenroth erzählt eine warmherzige Geschichte vom Wert der Freundschaft zwischen verschiedenen Menschen und unterschiedlichen Generationen und von dem beglückenden Gefühl sich für etwas stark zu machen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 9 Jahre.

Morgenroth, Matthias: Z wie Zorro, Coppenrath, 2019, €13,00.

Als die Grossen klein waren – Ein Album verschwundener Dinge!

Als Tante ist man, ob man will oder nicht, ein Relikt aus einer anderen Zeit. Dass der Altersunterschied zu den Eltern ausgesprochen gering ausfällt, ist meinen Nichten und dem Neffen noch nicht bewusst. Insgesamt lässt sich ein Interesse an Zeitbegriffen und dem Alter bestimmter Personen im Moment bei der ältesten Nichte (gerade fünf geworden) beobachten. Die Antwort auf die Frage, wie alt der angeheiratete Onkel sei (40) wurde prompt mit der Bemerkung: „Ganz schön alt, dann ist der ja fast tot.“ kommentiert. Ich, drei Jahre älter als besagter Onkel, durfte im Reich der Lebenden bleiben, wurde aber ausgiebig darauf hingewiesen, dass ich schon seeeehr alt sei.

Mit Blick auf den aktuellen Stand der Technik und meinen Fähigkeiten damit umzugehen bin ich in der Tat nahezu ein Dinosaurier. Für die Nichten und den Neffen ist das Smartphone schon jetzt ein Gegenstand, um deren Multifunktionalität sie sehr genau wissen. Ob das nun gut ist oder nicht, sei dahingestellt. Till Penzek und Julia Neuhaus tragen mit ihrem „Album verschwundener Dinge“ dazu bei, gemeinsam mit den Kindern in die Vergangenheit zu reisen und zu schauen, wie es früher war. Wehmütig und amüsiert stellt man dann fest, dass ein modernes Smartphone eine ganze Reihe verschiedener Geräte ersetzt. Zum Glück sind nicht alle davon ausgestorben. Die Taschenlampe erfreut sich in sämtlichen Varianten großer Beliebtheit. Der Reisewecker hingegen ist kaum noch anzutreffen. Diaabende finden heute allenfalls bei Oma und Opa statt, um den Enkeln zu zeigen, wie schön es früher war. Beim Blättern in diesem unterhaltsamen Buch können groß und klein wunderbar Geschichten erzählen, Fragen stellen und sich an den witzigen Illustrationen erfreuen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Penzek, Till, Neuhaus, Julia: Als die Grossen klein waren – Ein Album verschwundener Dinge, Nilpferd, 2019, € 16,95.

Samantha Spinner – Mit Schirm, Charme und Karacho

Die Zielgruppe der ab Zehnjährigen aufwärts, wird bei dem Untertitel von Samantha Spinner wohl kaum an die britische Kult Agentenserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ denken, dem erwachsenen Leser drängt sich dieser Zusammenhang natürlich sofort auf. Angesichts der Flut an Agenten-, Detektiv- und Abenteuergeschichten, stellt sich allenfalls eher die Frage, ob die Buchwelt nun auch noch eine Figur namens Samantha Spinner braucht. Die Antwort lautet ganz eindeutig ja. Was gibt es besseres, als eine spannende und absurd komische Geschichte, wenn die Sommerferien unmittelbar bevorstehen? Das quirlige und von beneidenswerter Entdeckerlust geprägte Geschwisterduo Nipper und Samantha will das Verschwinden des heiß geliebten Onkel Paul nicht hinnehmen. Nicht nur mit den allmorgendlichen Waffeln, sondern auch mit dem verlässlich jeden Tag mit lässiger Selbstverständlichkeit getragenen karierten Pyjama ist der Onkel eine verlässliche Größe im Leben seiner zwei Nichten und des Neffen. Über der Garage wohnend, lebt er zudem in unmittelbarer Nähe und ist immer da. Eines Tages jedoch ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Lediglich ein Brief unter dem Waffeleisen deutet auf ein geplantes Verschwinden hin. Zur Überraschung aller hinterlässt er der ältesten Nichte mehrere Milliarden zum Shoppen, Neffe Nipper erhält eine ganze Footballmannschaft nebst Stadion und Samantha bekommt einen roten Regenschirm. Angesichts des abgenutzten Schirms ist die Stimmung des sonst so fröhlichen Mädchens kurzfristig etwas gedämpft, was sich in herrlich hochtrabend, melancholischen Tagebucheinträgen äußert. Dies ändert sich innerhalb von Sekunden, als Nipper auf der Innenseite des Schirms einen Plan mit weltweit verteilten Sehenswürdigkeiten entdeckt. Nun hat sich bestätigt, was die Kinder die ganze Zeit wussten. Über den Brief hinaus hat Onkel Paul noch eine andere Botschaft hinterlassen und die gilt es nun zu entschlüsseln. Der Spaß ist dabei für alle Beteiligten garantiert.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 10 Jahre.

Ginns, Russell: Samantha Spinner – Mit Schirm, Charme und Karacho, Arena, 2019, € 12,00.

Wir gehen in die Schule! Von Kenia bis Amerika

Der Weg in die Grundschule erforderte in meiner Kindheit einen ca. 3 km langen Fußmarsch über Kuhweiden, ein Stück Straße und am Ende ging es auch noch eine ganze Weile durch den Wald. Natürlich sind wir diese Strecke nicht jeden Tag gelaufen. Es gab einen Schulbus, der die Kinder morgens einsammelte und Mittags wieder zurück brachte. Dieser Service funktionierte im Sommer ganz wunderbar, im Winter kam es immer wieder vor, dass der Bus es nicht zur ersten Stunde schaffte, da die Straßen noch nicht geräumt waren. In diesem Fall wurden die Schulranzen auf den Schlitten gepackt und der Weg zur Schule zu Fuß angetreten. Wenn ich heute durch das morgendliche Dottendorf gehe und vor der Grundschule den freundlichen Polizist treffe, der dafür sorgt, dass kein Verkehrschaos durch auf der Straße parkende Elternautos entsteht, habe ich jedes Mal das Gefühl meine Kindheit liege ein ganzes Menschenleben oder länger zurück.

Ein Blick in das Bilderbuchsachbuch von Lena Schaffner zeigt nicht nur wie Kinder in den unterschiedlichsten Regionen der Erde zur Schule kommen sondern auch, was Kinder auf sich nehmen, um überhaupt am Unterricht teilnehmen zu können. Anhand von sieben Beispielen, erfahren wir in Wort und Bild wissenswertes über das jeweilige Land, das Alltagsleben, Frühstücksgewohnheiten, den Schulweg und die Organisation der Schule. In Gestalt einer kleinen Tafel werden uns für jedes Land zusätzlich sieben Begriffe auf deutsch und in der Landessprache gezeigt. Auf einer großen Doppelseite lädt ein Bildausschnitt des Schulweges zum nachdenken und erzählen ein. Kommt hinter den großen, aus dem Wasser ragenden Felsen womöglich eine Stromschnelle, die das Kanu der Kinder ins wanken bringt? Sind im Wasser Krokodile, die gefährlich werden können? Ein Buch für die ganze Familie und nicht nur zum Schulanfang.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Schaffer, Lena: Wir gehen zur Schule! Von Kenia bis Amerika, Gerstenberg, 2019, € 15,00.

Faironomics – Ökologisch, Fair und Frei

Wie so oft im Leben lohnt sich bei diesem Titel nicht nur der zweite Blick, sondern in erste Linie die Lektüre. Als ich das Buch zum ersten Mal wahrgenommen habe, habe ich innerlich die Augen verdreht und es in die Schublade „Trittbrettfahrer“ gesteckt. Auf dem Weg an den Niederrhein stand ich dann kürzlich in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung vor einem ganzen Stapel des von mir schmählich missachteten Titels und ertappte mich dabei, wie ich plötzlich höchst interessiert blätterte und blätterte. Wohlwissend, dass besagtes Buch im Bestand des „kleinen ladens“ e. V. ist, hatte ich aus dem Nichts das Gefühl, ich könnte ohne dieses Buch unmöglich weiterfahren. Also trug ich es zur Kasse und freute mich königlich über die erworbene Reiselektüre.

Bereut habe ich diesen Sportankauf keine Sekunde. Das Autorenpaar Ilona Koglin und Marek Rohde lässt uns in einem persönlichen Erfahrungsbericht an einem mehrere Jahre dauernden Prozess teilhaben, der ausgehend von ihrer inneren Haltung und dem daraus resultierenden Infrage stellen des eigenen Handelns schließlich ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat. Lange vor der „Fridays for Future“ – Bewegung haben die beiden angefangen zu überlegen, was sie auf Arbeits- und Privatebene ändern können, um die Welt ein Stück besser zu machen. Was sich hier nach verschwurbelter Öko- bzw. Sozialromantik anhört, entpuppt sich als knallharte Arbeit an sich selber und dem bewussten Inkaufnehmen immer wieder Anzuecken und sich von vielem zu trennen, was gesamtgesellschaftlich gesehen immer noch als unabdingbar gilt. Parallel zu ihren eigenen Erfahrungen kriegt der Leser konkrete Anleitungen an die Hand, wie er selber anfangen kann, diesen Weg zu beschreiten. Die zahlreichen Kurzporträts von Menschen, die ebenfalls aktiv geworden sind zeigen, dass wirklich jeder etwas bewirken kann.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Koglin, Ilona; Rohde, Marek: Faironomics – Ökologisch, Fair und Frei, DTV, 2019, € 16,90.