Ariadnes Faden

Aufgrund meines Vornamens ist mir eine gewisse Nähe zu den alten Griechen praktisch in die Wiege gelegt worden. Da meine Namensvetterin darüber hinaus angeblich ihr Leben im Labyrinth des Minotaurus lassen musste, ist es geradezu meine Pflicht, mich mit dem opulent gestalteten Labyrinthe-Buch von Jan Bajtlik näher zu befassen. Natürlich habe ich im Inhaltsverzeichnis zuerst nach besagtem Minotaurus geschaut. Fündig geworden habe ich (durchaus erleichtert) festgestellt, dass zwar auf die Opfer hingewiesen, auf eine namentliche Nennung aber verzichtet wird.

Nachdem das geklärt war, habe ich wieder vorne angefangen und war schon beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses vollkommen fasziniert. Jedes der 25 Labyrinthe steht für einen Teil griechischer Geschichte. Mythologie und Historie werden dabei gleichermaßen berücksichtigt, sodass ein ausgewogenes Bild entsteht. Spielerisch führen die kunstvoll gestalteten Labyrinthe in die Welt des antiken Griechenlands. In einem kurzen Vorwort und einer noch kürzeren Gebrauchsanweisung wird erklärt wie, man sich den Inhalt am besten erschließt. Folgt man diesen Ratschlägen, befindet man sich unversehens auf einer abenteuerlichen Reise, auf der man ganz nebenbei eine Menge über die griechische Götter- und Sagenwelt erfährt. Spiel, Spaß und Faktenwissen ist in diesem beeindruckenden Buch auf das schönste vereint. Am besten schlägt man es einfach auf und legt los. Dieser spontane Zugang ist auch möglich und vielleicht noch schöner und abenteuerlicher als der Weg über das Inhaltsverzeichnis.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Bajtlik, Jan: Ariadnes Faden, Götter, Sagen, Labyrinthe, Moritz Verlag, 2019, € 24,00.

 

 

Die Weihnachtsgeschichte in Reimen

Mit seinen Hasenkind-Büchern hat sich Jörg Mühle in die Herzen von groß und Klein gezeichnet. Begleiten wir das lebenslustige Häschen in kurzen, interaktiv gestalteten Alltagssituationen, entführt uns der Illustrator dieses Mal in eine weit entfernte Welt, die auf heutigen Landkarten in dieser Form nicht mehr existiert. Das, was der Mann, die Frau und der Esel erleben, ist aber heute wie damals erschreckend aktuell und gerät angesichts der heimeligen Weihnachtsidylle schnell in den Hintergrund. Nun wäre es allerdings zu viel des Guten in einem Pappbuch eine ausgewiesene Problemorientierung suchen zu wollen. Mit den fröhlichen Reimen von Thomas Krüger wird in Bild und Schrift eine spannende Geschichte erzählt, die Teil unserer Kultur ist, unabhängig davon, ob wir dem christlichen Glauben angehören oder nicht. Was Maria und Josef auf ihrer Suche nach einer Herberge erleben. ist ein spannendes Abenteuer mit Tiefschlägen und erfreulichen Wendungen, die am Ende dazu führen, dass sich Mensch und Tier beglückt um die Krippe scharen und das winzige Menschlein bestaunen und frohen Mutes in die Zukunft schauen. Text und Bild funktionieren in diesem liebevoll gestalteten Weihnachtsbuch unabhängig voneinander. Wer lieber selber erzählen mag, kann die Geschichte anhand der Bildfolge entwickeln. Hier wie auch im Text sind es unscheinbare Feinheiten, die uns die Gefühlslage von Mann und Frau und die Dringlichkeit der Situation vor Augen führen. Am Stall angekommen, muss sich Maria, leicht nach vorne gebeugt, mit der Hand an der Wand abstützen. Was dann kommt, ist bekannt und immer wieder schön.

Buchtipp von Minea Süss

Ab drei Jahre.

Krüger, Thomas; Mühle Jörg: Die Weihnachtsgeschichte in Reimen, Carlsen, 2019, € 9,99.

Die Perlendiebin

Wer zur Fangemeinde Axel Schefflers gehört, kennt diesen bezaubernden Titel aus dem Jahr 1998 vielleicht noch. Rowohlt hat die Geschichte von dem kleinen unscheinbaren Huhn, das allen Mut zusammen nimmt und sich als Lehrling in Meister Peacocks Perlenladen bewirbt neu aufgelegt.

Fasziniert von den unzähligen Perlen in allen erdenklichen Größen und Farben kann das kleine Huhn sein Glück kaum fassen. Mit diesen schönen Dingen hat es nun jeden Tag zu tun. Aus den Perlen entstehen unter den strengen Blicken des Meisters kleine Kunstwerke, die begeisterte Abnehmer finden. Nur abends, wenn der Meister sich schon zurückgezogen hat, ist das kleine Huhn alleine und räumt noch die Werkstatt auf. Von den auf den Boden gefallenen Perlen magisch angezogen, steckt es diese heimlich ins Gefieder. Nun erwacht eine ungeahnte Gier im kleinen Huhn. Es kann einfach nicht genug bekommen und bedient sich nach kurzer Zeit sogar an den Perlengläsern. Es kommt aber noch schlimmer. Eines Tages steht unverhofft der Prinz samt Gefolge im Laden, um seine beschädigte Krone reparieren zu lassen. Der hohe Besuch spricht sich natürlich schnell herum ebenso wie der gräfliche Ball zu Ehren des Prinzen. Binnen kurzer Zeit türmen sich Schmuckstücke, die für das Fest hergerichtet werden sollen in der Werkstatt. Allein gelassen mit den Kostbarkeiten, begeht das kleine Huhn einen schweren Fehler. Was das kleine Huhn macht und ob es seinen Fehler wieder gut machen kann, wird hier nicht verraten. Am Ende der Geschichte, sind aber alle Fragen beantwortet. Auch warum das Perlhuhn Perlhuhn heißt und wie es zu seinem gemusterten Federkleid gekommen ist. Wer Gefallen an der Perlenstickerei gefunden hat, findet im Buch schöne Anleitungen von Rosa Scheffler.

Buchtipp von Minea Süss

Ab sechs Jahre.

Scheffler, Axel: Die Perlendiebin, rowohlt rotfuchs, 2019, € 10,00.

Antarktis – Die Entdeckung eines unbekannten Kontinents

Angesichts schmelzender Eisberge und Gletscher rückt die Antarktis nicht nur aufgrund der Klimawandel-Debatte in den Mittelpunkt des Interesses. Seit jeher sind Menschen fasziniert von dieser lebensfeindlichen Umgebung, in der sich eine einzigartige Landschaft aus Eis und Schnee geformt hat, die Lebensraum für Tiere zu Lande, zu Wasser und in der Luft ist.

Herausgefordert von den unwirtlichen Rahmenbedingungen, versuchten Menschen seit dem 18. Jhd. die Antarktis zu erforschen. In dem schön gestalteten Bildersachbuch von Giulia Vetri wird die Entdeckung dieses besonderen Kontinents Schritt für Schritt erklärt.  Mit dem Buch in der Hand oder auf dem Boden liegend, kann man sich von den klar gestalteten Seiten in Bann ziehen lassen und auf den Spuren der Entdecker wandeln. Am Anfang dieser Reise steht der Blick in die Sterne. Ausgehend von dem Sternbild des kleinen Bären, stellten sich die Bewohner des antiken Griechenlands ein Land gegenüber des Himmelsnordpols vor. Da im altgriechischen die Bedeutung von Bär „Arktis“ ist, bezeichnete man es als Antarktis. Wie viele Entdecker jedoch notwendig waren, um erste Karten von den Kontinenten zu zeichnen, zeigt eine aufklappbare Doppelseite. Dennoch wurde der Polarkreis erst 1773 von James Cook überquert. Bis zur Sichtung des eigentlichen Kontinents dauerte es nochmal knapp 50 Jahre. 1820 nährte sich eine russische Expedition dem Ufer. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Bestand an Roben und Walen aufgrund intensiver Bejagung schon stark dezimiert. Walöl und Robenfett waren begehrte Brennstoffe, ein Mantel aus Robbenfell galt in bestimmten Gesellschaftskreisen als schick. Seit dem 20. Jhd. kommen zunehmend die Auswirkungen des Klimawandels zum tragen. Die Eiskappen schmelzen und lassen den Meeresspiegel ansteigen. Ein Buch für alle Sinne und die ganze Familie.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 9 Jahre.

Vetri, Giulia: Antarktis, Die Entdeckung eines unbekannten Kontinents, E. A. Seemanns, 2019, € 22.

Martina – Ein Mädchen voller Überraschungen

Ob es nun das halbwegs freundliche Lächeln des Zombiemädchens oder der schön geschnitzte Kürbis war, der meine Aufmerksamkeit auf das Buch lenkte, kann ich gar nicht so genau sagen. Zombiegeschichten gehören auf jeden Fall nicht in die Kategorie Lieblingsbuch. Bis jetzt! Die liebenswerte Figur die Illustratorin und Autorin Barbara Cantini geschaffen hat, hat mich wider Erwarten im Sturm erobert und ist für graue und verregnete Herbsttage genau die richtige Lektüre.

Zusammen mit Hund Mesto wohnt Mortina bei ihrer Tante Dipertita. Die ländlich gelegene, großzügige Villa steht inmitten eines weitläufigen Parks. Das nächste Dorf befindet sich gerade in Sichtweite. Trotz der Entfernung kann Mortina immer wieder Kinder aus dem Dorf beim Spielen beobachten. Man ahnt, was das Problem des Kindes ist. Da die Tante und sie zur Spezies der Untoten gehören, wacht Tante Dipertita mit Argusaugen über die Nichte, damit sie bloß nicht in Kontakt mit den Dorfkindern kommt. Hund Mesto ersetzt also nicht nur fehlende Familienmitglieder, sondern auch fehlende Spielgefährten. Genau an der Schnittstelle zwischen Bilderbuch und Vorlesegeschichte, entwickelt Barbara Cantini eine Bildsprache, die unaufgeregt und witzig Zombie typische Merkmale benennt, ohne dabei ins unappetitliche  oder makabere abzugleiten. Die gelungenen Illustrationen unterstreichen und ergänzen den Text und laden zum Verweilen und Schauen ein. Der etwas größer gedruckte Text ist sowohl vom Druckbild als auch vom Satzbau für Leseanfänger geeignet. Mit Spannung begleitet man das Kind auf seiner verzweifelten Suche nach Freunden. Aber Martina wäre nicht Martina, wenn sie nicht mit der ihr eigenen Spitzfindigkeit eine Lösung für ihr Problem finden würde. Wohlige Schauer am Ende sind garantiert.

Lesetipp von Minea Süss

Ab 7 Jahre.

Cantini, Barbara: Mortina – Ein Mädchen voller Überraschungen, dtv junior, 2019, € 10,95

Die kleine Eule fliegt zu den Sternen

Eulen als nachtaktive Waldbewohner passen gut in die dunkler werdende Jahreszeit. In Gruselgeschichten sorgt das zur Geisterstunde ertönende Schuhuu für wohlige Gänsehaut, Harry Potter hätte ohne seine Hedwig weder Post empfangen noch versenden können, alte Eulen sind seit jeher in der Literatur bekannt für Ihre Weisheit und Lebensklugheit. Insgesamt gehören Eulen mit zu den beliebtesten Tieren in der Kinder und Jugendliteratur. Gerade im Bilderbuch tummeln sich die großäugigen Wesen in zahlreichen Titeln. Das ewig nörgelnde und Tränen vergießende Eulenkind in „Heule Eule“ erfreut sich schon seit geraumer Zeit großer Beliebtheit und sorgt immer wieder für Lesespaß.

„Die kleine Eule“ aus dem Oetinger Verlag hat ihre Karriere in einem kleinformatigen Pappbuch mit dem Titel “ Die Eule mit der Beule“ begonnen. Die Begeisterung bei Groß und Klein hat zu weiteren Abenteuern geführt und da auch kleine Eulen wachsen, findet sich die flügge gewordene Eule nun in einem Bilderbuch ab drei Jahren wieder. Mit sehnsuchtsvollem Blick sitzt sie des Nachts im Baum und schaut in den Sternenhimmel. Das Funkeln der Himmelskörper ist ausgesprochen verlockend und der Wunsch diese aus der Nähe zu sehen wird immer größer. Doch so sehr sie sich auch reckt und streckt, die Sterne kann sie nicht erreichen. Angesichts dieser Erkenntnis und mit der unbedingten Unterstützung von Freund Spatz, verlässt das Eulenkind schließlich wagemutig den Ast und lernt fliegen. Susanne Weber erzählt auch diese Geschichte in flüssigen, gut zu lesenden Reimen. Als Lesende begleiten wir das Eulchen bei seinen ersten Flugversuchen, die letztlich in einem abenteuerlichen Versuch die Sterne zu erreichen enden. Fazit: Neugier, Mut und die Begeisterung für etwas tut nicht nur kleinen Eulen gut …

Lesetipp von Minea Süss

Ab 3 Jahre.

Weber, Susanne: Die kleine Eule fliegt zu den Sternen“, Oetinger, 2019, € 14,00.

Das Abrakadabra der Fische

Wer kennt sie nicht, die Familiengeheimnisse, für die man als Kind ein untrügliches Gespür hat, die einen auf Schritt und Tritt verfolgen, wie ein Ohrwurm im Kopf herumschwirren und die unbedingt gelöst werden wollen. Jedes verstummte Gespräch der Erwachsenen, jedes leiser werdende Wort, jedes schnell aus dem Blickfeld  geschobene Ding, das nicht gesehen werden darf, befeuert nur die Phantasie und den erweckten Entdeckerwillen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und Licht in das Dunkel zu bringen.

Vonkie verbringt eine Woche bei ihrem Opa. So viel Zeit hat sie mit dem mitunter mürrischen alten Herrn noch nie verbracht. Aber wenn die Eltern Zeit für sich brauchen, um bestimmte Dinge zu klären, hat man keine Wahl, man muss sich in sein Schicksal fügen. Der auf den ersten Blick langweilig erscheinende alte Bauernhof birgt dann aber doch mehr interessante Dinge, als Vonkie zunächst gedacht hat. Alles fängt mit der Entdeckung an, dass ihr Opa sechs Brüder hat. Sechs! Für das Einzelkind Vonkie ist das unvorstellbar. Fasziniert schaut sie immer wieder auf das Foto mit den sieben Jungen und bittet und bettelt so lange, bis ihr Opa schließlich anfängt zu erzählen. Von der Begeisterung der Enkelin angesteckt, taucht der alte Mann letzten Endes nur zu gerne in die Vergangenheit ein und erzählt von Abenteuern und Streichen aber auch von einem ungeheuerlichen Familiengeheimnis, dessen Entdeckung zum Bruch mit seinem Lieblingsbruder führt. Gleichzeitig erzählt er aber auch von einem Familiengeheimnis aus der Nachbarschaft. Die unschönen Folgen dieser Entdeckung wirken bis in die Gegenwart nach. Vonkie will das nicht gelten lassen und beschließt mit ihrem Cousin den Dingen eine andere Wendung zu geben.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

van der Geest, Simon:Das Abrakadabra der Fische, Thienemann, 2019, € 15,00.

Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen

Berti und seine herrlich schrägen Brüder, von den nicht weniger schrägen Eltern fange ich gar nicht erst an, haben sich auf Anhieb in meiner persönlichen Lieblingsbücherliste einen Platz auf den vorderen Rängen gesichert.

Berti hat es mit seinen fünf Jahren nicht leicht. Gleich drei ältere Brüder hat ihm das Schicksal zur Seite gestellt und die sind auch noch deutlich älter als er. Zehn, elf und zwölf Jahre, um genau zu sein.  Jetzt könnte man meinen, dass die Herren Brüder mit soviel mehr Lebensjahren auch deutlich mehr Lebenserfahrung oder gar Lebensweisheit besitzen als Berti. Weit gefehlt. Einzig der Vorrat an wahnwitzigen Ideen ist in einem schier unerschöpflichen Ausmaß vorhanden; bei allen anderen Punkten ist noch ein kleines Bisschen Luft nach oben. Für Abwechslung ist also auf jeden Fall gesorgt. Turbulent wird es aber in dem Moment, wo Mutter Hilde beschließt in einer Sommerferienwoche endlich ihre Doktorarbeit zu beenden. Damit das auch gelingt, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein. Da Mütter aber bekanntlich besser hören als ein Luchs, werden nach jedem „Missgeschick“ die Übeltäter namentlich herbeigerufen und mit Sonderaufgaben betraut. Da das Projekt „Schokoladenkugel des Bösen“ allerdings alle Aufmerksamkeit und Energie der drei älteren Jungen erfordert, bleibt der Gartenzaun ungestrichen, die Auffahrt und Beete ungejätet, die ….. . Zu Bertis großem Verdruss lassen sich die Brüder nicht davon abbringen im schönsten Süßigkeitenladen der Straße die große Schokokugel aus dem Schaufenster zu entwenden. Ganz schön viel zu tun für einen fünfjährigen. Denn irgendjemand muss ja rettend zur Tat schreiten, wenn der absolut erfolgversprechende Plan B wieder schiefgegangen ist. Am Ende des ganzen Schlamassels hat sich Berti das von den Brüdern liebevoll aus Papas Sporthemd und dem roten Duschvorhang gebastelte Superheldenkostüm redlich verdient. Echte Brüder halten eben zusammen wie Pech und Schwefel.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Dickreiter, Lisa-Marie; Götz, Andreas: Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen, Oetinger, 2019, € 13,00.

Was Wim und Wanda alles können

Geschwister können wie Pech und Schwefel zusammenhalten oder sich spinnefeind sein. Oft liegen beide Varianten nah beieinander und wechseln zum Teil innerhalb eines Tages gleich mehrere Male. Zwillinge wie Wim und Wanda unterscheiden sich in diesem Punkt auch nur unwesentlich von anderen Geschwistern. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, auch wenn es keinen nennenswerten Altersunterschied gibt, den man manchmal ganz wunderbar als Erklärung für besondere Fähigkeiten heranziehen kann. Ein „Argument“ übrigens, dass ich als Älteste leider erst entdeckt habe, als ich bereits dem elterlichen Nest entflogen war.

Das aufgeweckte Duo von Heike Herold ist da schon anders unterwegs. Ausgesprochen aufmerksam beobachten die beiden sich und ihre nächsten Anverwandten. An erster Stelle stehen da natürlich Mama und Papa. Und natürlich gibt es Nichts und Niemanden, der oder das Mama und Papa das Wasser reichen kann. Etwas anders sieht es da schon mit den Geschwistern aus. Bruder Willi, älter als die Zwillinge, kann ein paar Dinge besser. Aber nur so wenig, dass es eigentlich gar nicht erwähnenswert ist. Baby Wilma hingegen „kann fast Nichts“, ist im „schreien, trinken und schnullern“, jedoch einsame Spitze. Mit dem typischen Kinderblick, dem so gut wie kein Detail entgeht, kommentieren die beiden auch Oma und Opa, den Nachbar Herrn Arendt, Onkel Gregor und andere Menschen, die Teil ihres Alltags sind. Das Ergebnis ihrer Betrachtungen ist ausgesprochen witzig, lädt dabei aber auch zum Nachdenken ein. Zu guter letzt ist das ganze Buch eine wunderbare Aufforderung über sich und die Dinge, die man besonders gut oder nur so mittel gut kann nachzudenken. Ebenso wie über die Dinge, die man besonders gerne oder gar nicht mag.

Buchtipp von Minea Süss

Ab drei Jahre.

Herold, Heike: Was Wim und Wanda alles können, Beltz, 2019, € 12,95.

Immer kommt mir das Leben dazwischen

Karl, dreizehn Jahre alt, Einzelkind, Spross betont unaufgeregter Akademikereltern, Durchschnittsschüler, verliebt in Nachbarin und Klassenkameradin Irina, ist immer noch damit beschäftigt, den vollkommen unerwarteten Tod seines Opas zu verarbeiten. Der Opa erweist sich im Jenseits jedoch mindestens so unternehmungslustig wie im Leben und erscheint dem Enkel im Traum, um ihm konkrete Vorschläge für seine Zukunft zu machen. Die Autorin Kathrin Schrocke lässt den alten Herrn dreimal zu Wort kommen. Ganz am Anfang, was dazu führt, dass Karl tatsächlich den Vorschlag Youtube-Star zu werden aufgreift, ungefähr in der Mitte der Geschichte, wo es sich als Notwendig erweist, der Oma bei der Umsetzung des Projekts Mehrgenerationenhaus tatkräftig unter die Arme zu greifen und am Ende, wo schließlich alles so ist, wie es sein soll. Und dazwischen? Ja dazwischen tobt das wahre Leben, ohne das Karl darauf Einfluss nehmen könnte. Einmal angestoßen entwickeln die Dinge eine Eigendynamik, die ihresgleichen sucht. Mit unnachahmlichem Charme, einer überlebensnotwendigen Portion Selbstironie und Sinn für die unfreiwillig komischen Höhen und Tiefen des Lebens, erzählt uns Karl aus seinem immer chaotischer werdenden Alltag. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Mehrgenerationenhaus, in das Karls Oma mit der heimlichen Unterstützung ihrer drei Enkelsöhne einzieht. Aufgrund einer Ehekrise tummelt sich Karls Vater unerwartet ebenfalls im Haus Fidibus und wird praktisch über Nacht  Zimmernachbar der eigenen Schwiegermutter. Was sich überzogen und konstruiert anhört, wird höchst amüsant und kurzweilig erzählt. Die Sicht des dreizehnjährigen überzeugt durch ihre Unbedarftheit. Wunderbar ist auch der enge Kontakt zu den Zwillingscousins und deren Begabung grandiose bis halsbrecherische Lösungsansätze aus dem Hut zu zaubern.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Schrocke, Kathrin: Immer kommt mir das Leben dazwischen, Mixtvision, 2019, € 14,00.