Im Gefängnis

Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hielt, war ich erschüttert; wohl wissend, dass auch bei uns in Deutschland Kinder im Gefängnis geboren werden, und es auch Kinder gibt, von denen ein Elternteil nicht in Freiheit lebt. Erst bei der näheren Auseinandersetzung mit dem Thema ist mir wieder eingefallen, dass eine ehemalige Mitschülerin von mir ebenfalls von dieser Problematik betroffen war. Vollkommen verdrängt hatte ich den Schulwechsel meiner Schwester, der notwendig wurde, nachdem sie über einen längeren Zeitraum von einem Jungen drangsaliert wurde, dessen Vater im Gefängnis war und kurz vor dem Ende der Haft stand. Die bevorstehende Entlassung des Vaters hat zu massiven Verhaltensauffälligkeiten des Jungen geführt, unter der verschiedene Kinder zu leiden hatten. Aber wie groß muss das Leid dieses Jungen und der gesamten Familie gewesen sein?

Ein unbequemes Thema, über das man gerne hinweg sieht, weil es einen ja nicht betrifft.  Die eigene kleine Welt ist eben übersichtlich und den allgemein gültigen Maßstäben nach einigermaßen heil und kuschelig. Für 100.000 Kinder gehört es aber zum Alltag, Vater oder Mutter im Gefängnis zu besuchen. Wie ein Leben mit einem inhaftierten Elternteil funktioniert erzählen Thomas Engelhardt und Monika Osberghaus in dem vorliegenden Buch. Außerdem erfährt man eine Menge über das Leben in Gefängnissen, über Probleme, die es dort gibt, über die Menschen, die dort arbeiten über Sehnsüchte und Wünsche aller Beteiligten. Zum besseren Verständnis gibt es im Anhang ein Glossar mit Gefängnisdeutsch und Knastsprache. Ein wichtiges Buch zu einem wenig beachteten Teil unserer Alltagsrealität.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Engelhardt, Thomas; Osberghaus, Monika: Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern., Klett Kinderbuch, 2018, € 14,00.

 

Nur Mut, kleiner Luis

Wenn man in der Schule weit und breit der einzige Wolf ist, kann einem schon mal angst und bange werden. Allein unter rosa leuchtenden Schweinen, fällt man halt auf. Luis hat dunkles Fell, spitze, aufrechte Ohren, einen langen Schwanz und scharfe Zähne. Im Wortsinn zeigt er diese, als es in den Pausen zunehmend ungemütlich für ihn wird. Von den anderen nur misstrauisch beäugt, gehen Julian und seine drei Bandenmitglieder in die Offensive und hänseln den neuen Mitschüler.

„Haare, Haare, überall am Kopf und an den Beinen! Haare wie die Kuh im Stall so hässlich kenn ich keinen!“

Das Luis sich aufgrund dieses Spottlieds still an die Mauer setzt ist nachvollziehbar. Zu seinem großen Erstaunen bekommt er aber schon am nächsten Tag Gesellschaft. Jojo setzt sich zu ihm und beweist Mut und innere Stärke, als er von Maximilian nachdrücklich dazu aufgefordert wird, sich am Schweinshüpfen zu beteiligen. Genau an der Stelle blitzt der typische Humor von Mario Ramos auf. Jojo findet die „Schweinchenspiele“ nämlich nicht nur blöd, sondern erwähnt auch ausdrücklich, dass er „lieber Großer Böser Wolf“ spielt und damit ziemlich alleine dasteht. Nun wendet sich das Blatt. Luis ist begeistert von der Idee und schon geht es los. Der Rollen- und Perspektivenwechsel ist wunderbar. Das Schwein jagt den Wolf und der fühlt sich als vermeintliches Opfer sauwohl. Am Ende ist Luis nämlich schneller und somit hat jeder sein Erfolgserlebnis. Richtig spannend wird es aber erst, als Luis krank wird und der Freund ihn besucht. Genau in der Situation offenbart sich Luis eigentliches Problem: auf seinem Schulweg muss er an den „drei dicken, bösen, gemeinen Kerlen“ vorbei. Ob ihm Jojo hierbei auch helfen kann?

Buchtipp von Minea Süss

Ab 7 Jahre.

Ramos, Mario: Nur Mut, kleiner Luis, Moritz Verlag, 2006, € 9,95.

Zum Geburtstag viel Glück

Als vor einigen Jahren Soundbücher in das Programm bekannter Verlage Einzug hielten, rümpfte ich verhalten die Nase und lüpfte die Augenbrauen. Kaum waren die als vollkommen neu, innovativ und pädagogisch wertvoll angepriesenen Pappbücher für Kleinkinder ab zwei Jahren eingetroffen, kamen auch schon die ersten Reklamationen. Entweder stellte das Soundmodul nach kurzer Zeit den Dienst ein oder es hörte gar nicht mehr auf. Ein stetiges Grunzen, Quaken oder Zwitschern war die Folge.  Das war natürlich Wasser auf die Mühlen der Vorbehalte und die Frage, muss ein Buch Geräusche machen, die man im Zweifelsfall auch selbst produzieren kann.

In meinem Fall wirkte letztlich die Begeisterung der Kunden, bzw. der Zielgruppe ansteckend. Die Beobachtung bei Nichten und Neffe, dass die Geräusche hingebungsvoll und lautstark nachgemacht werden und keinesfalls zu einem verstummen oder reinem konsumieren selbiger führen, beruhigte schließlich das pädagogische Tanten- und Buchhändlergewissen. Zudem ist die Tonqualität mittlerweile bestechend gut und die Zeit der Kinderkrankheiten ist auch überstanden. Und ja, es macht tatsächlich Freude, auf die Punkte zu drücken, auch wenn man weiß, was unmittelbar darauf erklingt. Mein aktueller Favorit ist das Geburtstagsbuch von Nicola Slater. Bär, Dachs, Fuchs und Katze wandern mit ihren Instrumenten durch die Lande. Natürlich musizieren sie dabei. Viele Noten schwirren durch die Luft. Aber eine Note ist anders. Sie ist nicht schwarz, sondern besteht aus einem feinen Drahtgitter. Es reicht ein leichter Druck und schon ertönen das Instrument und der Anfang bzw. die Fortsetzung des Liedes „Zum Geburtstag viel Glück“. Angekommen in der Stadt erklärt sich auch das Ziel. Otter Oskar hat zu seinem Geburtstag eingeladen. Ihm zu Ehren stimmen nun alle das Lied an. Ist das Geburtstagsständchen schon eindrucksvoll und mitreißend, gerät man über die leuchtende Kerze auf der Geburtstagstorte vollends in Verzückung.

(Das Soundmodul lässt sich an- und ausschalten.)

Buchtipp von Minea Süss

Ab zwei Jahre.

Slater, Nicola: Zum Geburtstag viel Glück!, Loewe, 2018, € 14,95.

Calpurnias Tierstation – Ein neues Lämmchen

Beim Stichwort Lämmchen fällt Bullerbü-Fans sicherlich Pontus ein, der liebevoll mit der Flasche aufgezogen wird und als wissbegieriges Jungschaf die Kinder in die Schule begleitet. Des Weiteren denkt man bei Lämmchen auch unweigerlich an  Osterlämmer. Um Weihnachten herum geboren, springen sie wollig gelockt im Frühling über die Weide und sorgen bei großen und kleinen Betrachtern nicht selten für Laute des Entzückens.

In ihrer neuen Reihe „Calpurnias Tierstation“ geht es im ersten Band ebenfalls um ein Lämmchen. Umgeben von ihren Eltern, sechs Brüdern und den Großeltern wächst Calpurnia inmitten der Natur auf einem großen Hof auf. Dem Ansinnen der Mutter dem Kind eine damenhafte Erziehung zukommen zu lassen, entzieht sich das aufgeweckte Mädchen nicht nur durch ihre Eigenständigkeit, sondern auch durch die Hilfe Ihres Großvaters und des Tierarztes. Beide Männer fördern Calpurnias Begabung mit Tieren umzugehen nach Kräften und bestärken sie in ihren Fähigkeiten. Wer glaubt, Insekten fielen bei einer Verletzung aufgrund ihres filigranen Körperbaus aus dem Raster menschlicher Zuwendung, der irrt. Mit Erfindungsreichtum, Geduld und Hingabe gelingt es den gebrochenen Flügel eines Schmetterlings zu schienen und die Flugfähigkeit des Insekts wieder herzustellen. Die Beschreibung der Autorin ist so authentisch und detailliert, dass man den Vorgang mit Hilfe des Buches am lebenden Objekt nachvollziehen könnte. Bezogen auf die von Calpurnia unterstützte Geburt eines Zwillingslämmchens, das verkehrt herum im Mutterleib liegt, gilt dies ebenso. Das Mädchen kann die Situation meistern, weil sie sich daran erinnert, was sie im tierärztlichen Fachbuch dazu gelesen hat. Was sich übertrieben oder konstruiert anhört ist eine spannende und bereichernde Lektüre, die einzig auf einer früh entdeckten und geförderten Passion beruht.

Lesetipp von Minea Süss

Kelly, Jacqueline: Calpurnias Tierstation – Das neue Lämmchen, Hanser, 2018, € 10,00

Tausend Tipps für Feiglinge

Eigentlich mangelt es Robert an nichts. Er lebt mit seinen Eltern, seiner Schwester, Oma und Hund in  einer schicken Pariser Stadtvilla und könnte sich nach Herzenslust des Lebens erfreuen. Am Wochenende vervollständigen Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins die Familie und essen gemeinsam zu Mittag. Aber genau bei diesen lebhaften Zusammenkünften, wird schon ein Problem von Robert deutlich. Er neigt zu Missgeschicken. Schon mehr als einmal ist ihm der Suppenlöffel entglitten. Das Resultat war jedes Mal ein hübsches Spritzmuster auf Tante Beatrices Bluse.

Das größte Problem aber ist sein nicht vorhandener Mut. Um mutiger zu werden, hat er sich extra einen Ratgeber besorgt. Diesen liest er nun mit großer Hingabe in jeder freien Minute in seinem Geheimbüro. Erste Erfolge zeichnen sich ab, als er seine Höhenangst überwindet und seine Oma von der Bibliotheksleiter rettet. Ofelia, Tochter des Gemüsehändlers und erste Wahl, wenn es um eine Wunschfreundin geht, traut er sich aber nicht anzusprechen. Bei einem zufälligen Zusammentreffen im Park verschlägt es dem armen Jungen im Wortsinn die Sprache, als Ofelia ihn auf seinen Hund anspricht. Da ist guter Rat teuer, aber wie so oft im Leben liegt die Lösung näher als man denkt. Robert beweist Mut und Courage, muss am Ende aber leicht ernüchtert feststellen, dass sich in seinen Träumen manches leichter fügt als im wahren Leben. Mit schrägem Witz und viel Sinn für die alltäglichen Nöte von Grundschulkindern erzählt Eva Susso äußerst originell und unangepasst von einem Phänomen das jeder kennt, über das man aber nicht gerne spricht. Aufgrund der etwas größeren Schrift eignet sich das Buch wunderbar zum Selberlesen für Leseanfänger.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Susso, Eva: Tausend Tipps für Feiglinge, Gerstenberg, 2018, € 9,95.

Anatomie

So manches Mal habe ich mir schon gewünscht einen Röntgenblick zu haben. Das stetige in sich Reinhorchen hätte ausgedient, ein Blick auf die wehe Stelle am Bein und schon wüsste man mehr. Der Röntgenblick wäre natürlich allumfassend, Arztbesuche entfielen gänzlich, sprich man hätte ein rundum sorglos Paket zur Verfügung.

Den von mir zusammengesponnenen Röntgenblick kann uns das bibliophile Sachbuch von Hélène Druvert natürlich auch nicht bieten, aber ein detaillierter Blick in das Innere des Körpers ist dennoch möglich. In übereinander angeordneten Seiten, auf denen das Verdauungssystem, der Blutkreislauf, die Atmung, das Skelett und das Nervensystem in seiner Grundstruktur ausgeschnitten dargestellt ist, stellt sich nicht nur die Komplexität, sondern auch die Schönheit dieser fein strukturierten Innenwelt dar. Nach dieser Gesamtschau werden von oben nach unten, also vom Gehirn bis zu den Fortpflanzungsorganen einzelne Bereiche detaillierter behandelt. Dies geschieht mit großen, leicht zu öffnenden Klappen. Bevor mittels einer aufklappbaren schematischen Schädeldarstellung die einzelnen Gehirnareale gezeigt werden, wird auf der Frontseite der Klappe die Zusammensetzung des Schädels veranschaulicht. Kurze, gut verständliche Begleittexte vertiefen die bildliche Darstellung zusätzlich. Aufgrund der unterschiedlichen Darstellungsformen, die jeweils in sich geschlossen sind,  bietet das Buch eine Vielzahl verschiedener Zugangsmöglichkeiten. So ist es z. B. problemlos möglich, eine beliebige Seite aufzuschlagen und mitten drin zu beginnen. Das Gesamtkonzept besticht durch seine durchdachte Anordnung, gute Übersichtlichkeit und kunstfertige Ausgestaltung.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre

Druvert, H.: Anatomie, Das faszinierende Innenleben des Menschen, Gerstenberg, 2018, € 26,00.

Die abenteuerliche Reise der Ballerinus

Von außen betrachtet ist Ravis Leben traurig und von Einsamkeit geprägt. Die Mutter ist tot und Tante Lena hat eine sehr spezielle Auffassung von ihrer Funktion als Tante und einzige lebende Verwandte des Neffen. Sie bleibt lieber auf Abstand und lässt das Kind in einem Wohnwagen am Kanal leben. Alleine! Wie gesagt von außen betrachtet keine schöne Situation für ein Kind. Aber Ravi ist – vielleicht aufgrund seines Schicksals – anders als andere Kinder. Er begnügt sich mit einem Lächeln von dem wortkargen Fährkapitän, mit dem er sich in stummer Eintracht gerne seine Portion Pommes  teilt. Ihm genügt die Stundenweise Gesellschaft eines herumstreunenden Hirtenhundes, der ihn jeden Tag besucht. Außerdem steht sein Wohnwagen da, wo er sich am wohlsten fühlt und gerne verweilt, am Wasser. An seinem Geburtstag, an Ostern und auch an Weihnachten, denkt seine Tante an ihn und schickt ihm etwas. Zum Geburtstag gibt es immer einen Gutschein für eine Torte seiner Wahl und noch ein richtiges Geschenk. Plötzlich, über Nacht sozusagen, tritt jemand in sein Leben, mit dem er nicht nur die Geburtstagstorte, sondern auch andere Dinge wie Freude und manchmal auch ein bisschen Traurigkeit teilen kann. Mit dem alten Seebären Sepp und seinem neunmalklugen und nörgeligen Papagei John tritt ein Mensch in sein Leben, mit dem ihn nicht nur eine tiefe Freundschaft, sondern auch das Ziel verbindet, anderen etwas Gutes zu tun. Die „anderen“, das sind Zootiere, die früher einmal in einem Zirkus aufgetreten sind. Da die Idee mit dem Zoo nicht so gut funktioniert, sollen sie an einen Metzger verkauft werden. Keine Frage, hier muss eingegriffen werden und schon beginnt ein fantastisches Abenteuer.

 

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Bolt, Arienne: Die abenteuerliche Reise der Ballerinen, Gerstenberg, 2018, € 18,00.

Emmi & Einschwein

Den einzigen Tierwunsch, den ich als Kind hatte, und der in Gestalt eines gemalten Wunschzettels, den ich dann zum 40. Geburtstag feierlich überreicht bekam, immer noch existiert, haben meine Eltern tatsächlich erfüllt. Viele andere Wünsche sind gar nicht erst entstanden, da meine Eltern ohne Nachhilfe von uns Kindern freiwillig Meerschweinchen, Kaninchen, Enten, einen Fischteich und anderes Getier anschafften. Schaf und Ochse waren die Spezialität von Uroma und leider vor meiner Zeit. Meine Begeisterung für Schweine jedweder Art rührt ebenfalls aus der Kindheit. Die beste Freundin meiner Mutter hatte eine Schweinezucht. Insofern bin ich ausgesprochen beglückt von der Idee der Welt ein Einschwein zu schenken. Einhörner gibt es schließlich schon genug. Der Wunsch ein so graziles Fabelwesen zu besitzen ist aber umso nachvollziehbarer, wenn man – wie Emmi – in Wichtelstadt lebt. Nun verheißt der Ort an sich schon viel Spaß und Abenteuer, aber da die Kinder dort zum zehnten Geburtstag ein Fabelwesen bekommen, hätte Wichtelstadt in unserer Welt sicher keine Probleme auf Platz eins der beliebtesten Orte weltweit zu kommen. Im Haushalt von Familie Brix leben bereits ein Drache, eine Klingende Wildkatze und ein Blütenspatz. Bis auf die eine oder andere Eigenart alles ganz allerliebste Hausgenossen. Insbesondere dann, wenn man unter Aufsicht des Vaters und in Abwesenheit von Mama die Sandwiches von Drache Henk grillen lässt. Anstelle des sehnlichst gewünschten Einhorns bekommt Emmi zum Geburtstag aber ein Einschwein und ist erst einmal nicht sehr glücklich mit dem stets gut gelaunten Tier. Erst als sie und ihre Geschwister nach und nach bemerken welch grandiose Fähigkeiten und Vorzüge Einschwein hat, ist man versöhnt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 9 Jahre.

Böhm, Anna: Emmi & Einschwein – Einhorn kann jeder!, Oetinger, 2018, € 13.00

Hase und Igel kaum zu bremsen!

Die Kassette mit der Geschichte von Hase und Igel und ihrem Wettlauf, haben meine Geschwister und ich in Dauerwiederholung gehört. Mehr als einmal gab es auch Bandsalat. Meistens saß meine Mutter dann mit dem Tonträger und einer Gabel bewaffnet auf der Eckbank und hat das verknüddelte Band entwirrt und mit Hilfe des Essbestecks, der Griff passte genau in die runden Einlegelöcher, wieder aufgedreht. Die Trauer war natürlich groß, als das geliebte Stück irgendwann nicht mehr zu retten war.

Kaum hatte ich den Vorleseband von Hase und Igel aufgeschlagen und just den berühmten Klassiker als erste Geschichte entdeckt, waren die Kindheitserinnerungen wieder gegenwärtig. Nach diesem schönen Auftakt folgen eine Reihe flott erzählter Abenteuer, die Hase und Igel miteinander erleben. Die Idee des Wettlaufs zieht sich dabei als roter Faden durch die Geschichten und wird sehr originell in immer wieder anderen Varianten weiter gesponnen. Da die beiden ausgesprochen unternehmungslustig sind, landen sie nicht nur in der Schule sondern auch im fernen Süden. Urlaub machen ist ja schließlich etwas, dass ein Hase und Igel von Welt auch einmal ausprobiert haben muss. Sehr schön ist hier die Idee die beiden Freunde einen unfreiwilligen Wettlauf  gegen die Urlaubspostkarten machen zu lassen. Nach der ersten Enttäuschung, dass die mit viel Sorgfalt und Liebe geschriebenen Karten noch nicht angekommen sind, siegt die Freude darüber, dass man schneller als die Karten wieder zu Hause war. Franz Sklenitzka hat mit Hase und Igel zwei liebenswerte Figuren wieder zum Leben erweckt und eigenständig weiter gesponnen. Ein wahres Lesevergnügen für Groß und Klein.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Sklenitzka, Franz S.: Hase und Igel kaum zu bremsen, Nilpferd, 2017, € 14,95.

Heimisch und doch fremd

Wer regelmäßig andere Länder bereist oder sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, hat sicherlich schon selber erfahren, wie leicht man aufgrund von Unwissen ins Fettnäpfchen treten kann. Zwar geben Reiseführer viele Tipps was Verhaltensregeln, kulturelle und religiöse Gepflogenheiten angeht, aber die Feinheiten, sprich die Nuancen ergeben sich erst im tatsächlichen Miteinander. Wer regelmäßig mit Menschen aus anderen Kulturen Kontakt hat, wird schnell merken, wie vielschichtig und umfassend die soziokulturelle Prägung ist.

Dank meiner syrischen Nachbarn, werde ich mit schöner Regelmäßigkeit genau damit konfrontiert. Der Zuzug verschiedenster Nationalitäten verändert nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch unseren Alltag. Nur im aufeinander zugehen, miteinander reden und sich austauschen, können Barrieren und Vorurteile abgebaut werden, kann Verständnis füreinander entstehen und Gemeinschaft wachsen.

Barbara Warning stellt in ihrem Buch junge Menschen verschiedener Nationalitäten mit gänzlich unterschiedlichen Motivationen ihr Heimatland zu verlassen vor. In fünf großen Themenblocks werden nicht nur die Gründe für das Verlassen des Heimatlandes aufgezeigt, sondern auch das Leben bei uns in Deutschland mit allem was dazugehört. Neben Beispielen Integration zu erleichtern, geht es auch um die Frage der Identität sowie kulturelle und religiöse Aspekte. Zu Beginn aber steht das Erlernen der Sprache. Hier sind vor allem Lehrer gefragt, die mit Herzblut bei der Sache sind. Ohne die stetige Motivation einer Lehrerin hätte z. B. Mukendi nach seiner Flucht aus dem Kongo nicht so schnell akzentfrei die Sprache lernen können. Obwohl die Eltern des jungen Mannes bis heute nicht so gut Deutsch sprechen, haben sie ihren Sohn nach Kräften unterstützt. So hat z. B. der Vater regelmäßig Hörbücher aus der Bücherei ausgeliehen. Heute studiert Mukendi Informatik. Jedes Porträt in dem Buch ist beeindruckend, berührend, bereichernd und authentisch. Ein gelungener Blick über den Tellerrand zwischen zwei Buchdeckeln.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Warnig, Barbara: Heimisch und doch fremd, Junge Migranten erzählen, wie Integration gelingt, Ravensburger, 2016, € 16,99.