Short – Manchmal wächst man über sich hinaus.

Mit 1,64 m großzügig gemessener Körperlänge, bin ich drei Zentimeter weniger lang als die bundesweite Durchschnittsfrau. Meine Brüder überragen mich alle drei um mehr als Haupteslänge, meine Schwester hat Längentechnisch noch weniger abbekommen als ich. Gestört hat uns beide das noch nie, obwohl wir es gewohnt sind, als klein bezeichnet zu werden. Sicherlich ist es in erster Linie unseren Eltern – beide werden von ihren Söhnen ebenfalls um mehr als Haupteslänge überragt – zu verdanken, dass wir uns nie klein gefühlt haben.

Bis Julia unfreiwillig ein Gespräch ihrer Eltern mitbekommt, fühlt sie sich auch nicht klein oder zu klein für ihr Alter. Die Bemerkung ihres Vaters: „Gott sei Dank ist Julia ein Mädchen. Stell dir vor, sie wäre ein Junge und derart zu kurz geraten!“, verunsichert sie allerdings zutiefst. Auf der einen Seite ist sie sich der Liebe ihrer Eltern gewiss und auf der anderen Seite, fallen ihr plötzlich tausend Dinge ein, die sie auch im Alltag als „zu klein“ erscheinen lassen. Als kurz vor den Sommerferien auch noch der geliebte Hund stirbt, kommt das Mädchen aus dem Hadern und Traurigsein gar nicht mehr hinaus.

Um dem Kind ein Erfolgserlebnis zu verschaffen, schlägt die Mutter Julia und ihrem jüngeren Bruder vor in den Sommerferien an einem Theaterprojekt teilzunehmen. Als beide Kinder eine Rolle bekommen, beginnt für die ganze Familie eine wunderbare Zeit. Julia erzählt aus ihrer Sicht und lässt uns Stück für Stück mitwachsen, wenn sie ihre Fröhlichkeit   und ihr natürliches Selbstbewusstsein zurückgewinnt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Sloan Goldberg, Holly: Short – Manchmal wächst man über sich hinaus., Hanser, 2018, € 16,00.

Johnny Sinclair – Beruf: Geisterjäger

Johnny ist mit seinen zwölf Jahren Kummer gewohnt. Was anderen Kindern in dem Alter schlaflose Nächte bereiten und Angstschweiß auf die Stirn treiben würde, sorgt bei ihm nur für einen Anflug von Nervosität und Nervenkitzel. Die Mitbewohner von Greyman Castle sind Geister, die ihm zu nachtschlafender Stunde das Leben schwer machen.

Im Hier und Jetzt ist es freilich schwer dem besten Freund von den unliebsamen Hausgenossen zu erzählen. Von einer äußerst engagierten Mutter umsorgt, kann man dem zaghaften Russel allerdings kaum verdenken, dass er übersinnlichen und damit auch unheimlichen und gruseligen Dingen konsequent aus dem Weg geht.  Anders sieht es da schon bei dem Kindermädchen aus Haiti aus. Cécile ist laut Eigenauskunft eine Voodoo-Priesterin und in Abwesenheit von Johnnys Eltern für das Wohl des Jungen verantwortlich. Insofern versucht sie natürlich die ausgeprägte Begeisterung ihres Schützlings für die Geisterwelt nach Möglichkeit nicht zu unterstützen. Hilfe naht schließlich in Gestalt eines Totenkopfes, den Johnny bei einem Ausflug ins Moor findet. Nachdem er das Fundstück liebevoll gesäubert hat, dankt selbiges es ihm mit flotten Sprüchen und jeder Menge Tipps und Tricks, die man als Geisterjäger unbedingt beherrschen muss. Unabdingbar ist aber auch ein Assistent aus Fleisch und Blut. Hier zeigt sich einmal mehr, wie gut es ist einen besten Freund zu haben. Russel, angespornt von den wenig schmeichelhaften Kommentaren des Schädels, wächst über sich hinaus und erweist sich als Helfer in der Not.

Mit Witz und Spannung lässt Sabine Städing ihre Hauptfigur auf den Spuren ihres berühmten Namensvetters John Sinclair wandeln und sorgt für angenehme Gänsehaut-Momente beim Lesen unter der Bettdecke.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 10 Jahre.

Städing, Sabine: Johnny Sinclair – Beruf: Geisterjäger, Baumhaus, 2017, € 12,00.

 

Tito Bonito und die Sache mit dem Glück

Die Beschreibung des kleinen Städtchens Allora weckt unmittelbar den Wunsch dorthin zu reisen, um durch die engen Gassen mit den fröhlich bunten Häusern zu schlendern und die entspannte und glücklich Atmosphäre unmittelbar zu erleben und in sich aufzunehmen. Unvorstellbar, dass so ein Ort von einer todbringenden Krankheit heimgesucht wird oder  das dort Menschen leben, die böses im Schilde führen.

Genau dies widerfährt aber diesem paradiesischen Fleckchen Erde. Im Gegensatz zu den Figuren, die in der Geschichte gefangen sind, haben wir als Leser die Möglichkeit, dem Ort des Schreckens zu entfliehen, in dem man das Buch zuklappt und die Lektüre vorzeitig beendet. Gespielt habe ich mit genau diesem Gedanken, als abzusehen war, dass auch Albertos Familie von der Krankheit nicht verschont bleiben wird. Getan habe ich es nicht. Fasziniert und gefangen genommen von einer Sprache, die den Verlust von Ehefrau und drei Kindern als das benennt, was es ist und gleichzeitig Trost spendet, habe ich weiter gelesen. Belohnt wurde ich mit der Einsicht in Albertos Wesen, der trotz der Verluste nicht am Leben verzweifelt, sondern fortan als Schreiner Särge herstellt, um Dienst an den Verstorbenen zu tun. Als er den Jungen Bonito bei sich aufnimmt, füllt dieser die Lücke der verlorenen Kinder ohne dabei Lückenbüßer zu sein. Wie der deutlich ältere Mann, hat der Junge aber auch seine Geschichte und ist vom Schicksal nicht unbedingt sanft angefasst worden. Zusammen mit Alberto gelingt ihm der Aufbruch in ein neues Leben, geprägt von Zuversicht Freude.

Buchtipp von Minea Süss

Woods, Matilda: Tito Bonito und die Sache mit dem Glück, Dressler, 2018, €15,00.

Cat Deal – Die Kunst zu stehlen

Wer mit 16 Jahren seinen Lebensunterhalt mit Fassendklettern und Einbrüchen in Wohnungen und Häuser wohlhabender Londoner bestreitet, hat zweifelsohne eine Menge kriminelle Energie. Wer mit 16 Jahren alleine auf einem Hausboot wohnt, weil das geliebte Haustier in Gestalt von Ratte Simon nicht mit den Hygienevorschriften mit dem von der Tante betriebenen Pub in Einklang zu bringen ist, nicht im Chaos versinkt, regelmäßig die Schule besucht, bei außerordentlicher Intelligenz passable Noten hat, weil man gerade das Nötigste tut, hat offenbar ein paar wesentliche Dinge fürs Leben bereits verinnerlicht.

Cat, die als Achtjährige bei einem Attentat ihren Vater verloren hat und deren Mutter unbekannt ist, lebt zunächst einige Jahre bei ihrer Tante, bis sie mit besagtem Haustier auszieht. Ihre Karriere als Diebin verläuft rasant und beginnt aus einer Laune heraus. Wohlwissend, wie es ist mit wenig Geld auskommen zu müssen und für dieses Wenige hart zu arbeiten, beschließt sie nur ausgesprochen Wohlhabende Leute zu bestehlen. Natürlich ändert dies nichts an der Tatsache, dass sie gegen das Gesetz verstößt, aber das hat Robin Hood schließlich auch und spätestens seit dieser charismatische Held Eingang in den literarischen Kanon gefunden hat, weiß man um die Schwierigkeit zwischen Gesetz und Gerechtigkeit. Genau an diesem neuralgischen Punkt setzt Kate Frey mit ihrer bestechend konstruierten Geschichte an.

In Lord Peter findet Cat einen Mentor, der es sich als angesehenes Mitglied der Londoner High Society zur Aufgabe gemacht hat, Beutekunst aus dem Zweiten Weltkrieg ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Der Blick hinter die Kulissen des weltweiten Kunstbetriebs ist verstörend und spannend und einmal mehr wird die Frage nach Recht und Gerechtigkeit bzw. Moral und Unmoral aufgeworfen.

Buchtipp von Minea Süss 

Ab 13 Jahre.

Frey, Kate: Cat Deal. Die Kunst zu stehlen, Ueberreuter, 2017, € 14,95.

Mississippi Bande

Schon auf den ersten Seiten dieses gelungenen Abenteuerromans spürt man förmlich die feuchtwarme Südstaatenhitze auf der Haut. Davide Morosinotto entführt uns in bester Huckleberry Finn Manier in den tiefen Süden der USA zur Zeit der Jahrhundertwende. Nicht nur die plastischen Beschreibungen des weit verzweigten Mississippi Deltas, sondern auch die authentischen Karten-, Katalog- und Zeitungsausschnitte, die in loser Reihenfolge die einzelnen Kapitel schmücken, erhöhen das Lesevergnügen beträchtlich und vermitteln das Gefühl der direkten Teilhabe. Die unglaubliche Vielzahl verlockender Produkte, die auf den Katalogseiten bestaunt werden kann, hat mir meine eigene Leidenschaft für diese dicken Wälzer in der Kindheit in Erinnerung gerufen. Fern der nächsten großen Stadt, kündeten der Quelle und Neckarmann Katalog von Verlockungen aus einer anderen Welt. Umso verständlicher erscheint der Drang, der vier wie Pech und Schwefel zusammenhaltenden Kinder etwas aus dem vielgeliebten Katalog zu bestellen, als sie die für sie schier unermessliche Summe von drei Dollar finden. Ausgerechnet diese heimlich getätigte Bestellung, ist der Beginn eines unglaublichen Abenteuers, einer Reise quer durch das Land, durch verschiedene Bundesstaaten, zunächst mit einem Einbaum, dann auf einem Dampfer schließlich mit der Eisenbahn, immer das Ziel Chicago vor Augen, um dort beim Versandhändler persönlich den falsch gelieferten Gegenstand abzugeben. Natürlich birgt die irrtümlich gelieferte Taschenuhr ein Geheimnis und führt die Kinder auf die Spuren eines Verbrechens, dessen Aufklärung bisher noch niemandem gelungen ist. Das Zusammenspiel der Stärken der vier sehr unterschiedlichen Charaktere, von denen mit Julie und Tit ein Geschwisterpaar dabei ist, verhilft schließlich der Wahrheit ans Licht und stellt gleichzeitig die Weichen für das spätere Leben der vier.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Morosinotto, Davide: Die Mississippi Bande – Wie wir mit drei Dollar reich wurden, Thienemann, 2017, € 14,99.

Rico & Oskar – Fische aus Silber

Mit dem ihm eigenen Gespür für Situationscomic, bzw. einem über die drei Rico und Oskar Bände geschulten Auge für komische Momente im Alltag, wahrgenommen aus der unverstellten Kinderperspektive, erfreut Andreas Steinhöfel die Fangemeinde dieser einzigartigen kleinen Kerle, nun mit dem Beginn einer Comicreihe.

Zusammen mit dem Illustrator Peter Schössow ermöglicht uns Steinhöfel einen Hausbesuch in der Dieffe 93. Um alle Freunde der lecker belegten kleinen Brote, die mein Opa ebenfalls sehr filigran herzustellen wusste, aber leider nicht so eine schöne Bezeichnung dafür parat hatte, zu beruhigen, sei an dieser Stelle schon erwähnt, Müffelchen sind auch in der Comic Version ein unbedingter Bestandteil für alle Lebenslagen, in denen es um Gemütlichkeit, Wohlbefinden und Behaglichkeit geht. Vor dem Genuss selbiger sind allerdings ein paar Turbulenzen zu durchstehen. Nachdem die Müllabfuhr das von den Jungen liebevoll hergerichtete Sperrmüll-Wohnzimmer vor dem Haus in null Komma nichts dem Erdboden gleich gemacht hat, sind Rico und Oskar so eingestaubt, dass sie sich ein Bad genehmigen. Und damit fängt das neue Abenteuer erst richtig an. Abenteuer ist eigentlich nicht das passende Wort, Expedition trifft es eher. Mit dem Entdecken der wieselflinken Silberfische auf den Badezimmerfliesen, wird der Blick auf etwas sehr kleines, von dem wahrscheinlich viele Menschen behaupten, sie hätten so ein Ungeziefer selbstverständlich nicht in ihrem privaten Sanitärbereich, gezoomt und dank Oskars lexikalischen Wissen genauestens analysiert und kommentiert. Begeistert bin ich deswegen nach wie vor nur sehr bedingt von diesen auch bei mir wohnenden Haustieren, aber dazugelernt habe ich einiges. Den Kindern wachsen die glitzernden Tierchen jedoch sehr ans Herz und da die Dieffe 93 für die beiden Jungen ein tolles Zuhause ist, liegt es nahe, dass so unbescholtene Lebewesen wie Silberfische auch ein Recht auf eigene vier Wände haben.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Steinhöfel, Andreas: Rico & Oskar – Fische aus Silber, Carlsen, 2017, € 9,99.

Was machen die Kölner Tiere, wenn es regnet?

Wenn die Sonne scheint oder Schnee zum Schlittenfahren lockt, drängt es Groß und Klein an die frische Luft. Der Aufenthalt im Garten, Park, am See oder im Wald zusammen mit netten Menschen, die sich an Outdooraktivitäten wie Grillen, Ballspielen, Schwimmen usw. mit Begeisterung beteiligen, ist für alle eine Freude. Sonne und glitzernder Schnee garantieren gute Laune und gerade bei Familien eine rege Betriebsamkeit. Genau das Gegenteil tritt jedoch ein, wenn der Himmel von dunklen Wolken verhangen ist und es unablässig regnet. Selbst die kälteliebende Labradoodledame meiner Eltern rüsselt bei Regen nur kurz durch die offene Tür, um sich dann mit vorwurfsvollem Blick und in Sekundenschnelle am Boden festgewachsenen Pfoten dem sonst geliebten Spaziergang zu verweigern. Nässe von oben führt bei Zwei- und Vierbeinern nicht selten zu dem akuten Bedürfnis es sich in den trauten vier Wänden gemütlich zu machen. Wie lustig und kurzweilig es dabei zugehen kann, zeigen die originellen Ideen der Kölner Tiere. Gemäß der Kölner Frohnatur, drückt ein Schlechtwettertag keineswegs auf die Stimmung. Die Erdmännchen gehen direkt mit gutem Beispiel voran und üben stilecht mit Kostüm bekleidet Karnevalslieder für die nächste Session. Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt Geißbock Hennes. Beim Bügeln der Trikots mimt er den Hausmann, hat aber den Blick fest auf das Fußballspiel im Fernsehen und seine geschickt davor sitzende Liebste gerichtet. Die sturmerprobten Domfalken üben sich in ihrer Rolle als Rockband und eifern den Erdmännchen nach. Spatzen, Schafe und auch Regenwürmer, alle wissen, wie man dem schlechten Wetter ein Schnippchen schlagen kann. Und wenn es aufhört zu regnen? Dann trifft man sich im  Park und picknickt zusammen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 2 Jahre.

Vogelmann, Corinna: Was machen die Kölner Tiere, wenn es regnet?, J. P. Bachem Verlag, 2016, € 9,95.

Eselsbrücken – Merksätze, Gedichte und ganz viel Lustiges

eselsbrueckenMerksätze und Eselsbrücken gehören seit Generationen zum Schulalltag wie Pausenbrot und Spickzettel. Verfügt man über ein großes Repertoire dieser zum Teil bewusst an Nonsensverse erinnernden Lernhilfen, benötigt man das in schweißtreibender Arbeit hergestellte Zettelchen gar nicht. Auf keinen Fall sollte man sich von der an Schulfächern orientierten Aufteilung abschrecken lassen. Die unter Sachkunde, Mathematik und Deutsch zusammengetragenen Reime vermitteln unzählige Tipps und Fakten zu den unterschiedlichsten Themengebieten der einzelnen Fächer. Zwischen den Buchdeckeln können Grundschulkinder (und ihre Eltern) eine Vielzahl an Informationen entdecken und mithilfe des Registers gezielt nachschlagen. Ich persönlich finde beim Lesen dieses Buches die Zufallsvariante besonders unterhaltsam. Man schnappe sich das Buch, suche sich einen gemütlichen Leseplatz und schlage dann einfach irgendeine Seite auf. Das Ergebnis ist immer eine Überraschung. Geprägt von dem berühmten Spruch zur Gründung Roms, der mit acht Worten sehr übersichtlich daherkommt (753 Rom kroch aus dem Ei), finden sich zu meinem Erstaunen auch zahlreiche Beispiele für umfangreichere Lerneinheiten, die ich mir als Kind gewünscht hätte. Gilt es z. B. sich die  16 Bundesländer mit ihren Landeshauptstädten zu merken, seien an dieser Stelle die „Bundesländer-Limericks“ empfohlen. Hoch im Norden fängt es an.

„Im Nebel trieb ein Surfer aus Kiel auf seinem Brett, er sah nicht mehr viel. Ach, wenn er wüsste: Ganz nah war die Küste. Schleswig-Holstein – das wäre sein Ziel.“ (S. 31)

Ergänzt werden die Texte von witzigen Illustrationen. Dem Autorenteam Eva Bade und Cordula Thörner ist somit ein originelles Lese-Lern-Bilderbuch gelungen, das man gerne zur Hand nimmt

Buchtipp von Minea Süss

Ab 6 Jahre.

Bade, Eva; Thörner, Cordula: Eselsbrücken – Merksätze, Gedichte und ganz viel Lustiges, Carlsen, 2016, € 12,99.

 

Gilly Hopkins – Eine wie keine

gilly-hopkinsMan muss kein bestimmtes Lebensalter haben, um einen Weltenzorn zu verspüren, der sich gegen Jeden und Alles richtet. Galadriel Hopkins, Gilly genannt, ist elf Jahre alt und verfügt aufgrund ihres Schicksals als Pflegekind über ein beträchtliches Maß an negativer Energie. Zum Glück für sich und andere, nutzt sie diese bis auf wenige Ausnahmen für gute Dinge. Gefangen in der unstillbaren Sehnsucht nach ihrer Mutter und richtigen Familie, lässt sich das hochintelligente Kind immer wieder zu kleinen Bösartigkeiten hinreißen. Ausgerechnet in der naiv wirkenden neuen Pflegemutter der verwitweten Maime Trotter und der geradlinigen sich stets unangreifbar gebenden Klassenlehrerin Miss Harris, findet sie ebenbürtige „Gegnerinnen“, die ihr ohne nennenswerte pädagogische Großmaßnahmen den richtigen Weg zeigen. Die Zauberformel dieser beiden grundverschiedenen Frauen, die einander nie begegnen, ist so schlicht wie einfach. Liebe und Zuwendung und eine Begegnung auf Augenhöhe.

Gespannt und bewegt liest man, welche Anstrengungen Gilly unternimmt, um zu ihrer leiblichen Mutter zu kommen. Momente des Unrechts werden dabei immer häufiger von Anflügen echter Zuneigung und Hilfsbereitschaft abgelöst. Aus dem ungleichen Quartett bestehend aus Maime Trotter, Pflegekind William Ernest, dem blinden und betagten Nachbarn Herrn Randolph und Gilly wird schließlich so etwas wie eine Familie. Aber gerade in dem Moment, wo sich alles in ruhigen Fahrwassern zu bewegen scheint, wird alles auf den Kopf gestellt. Plötzlich tritt Gillys richtige Familie in Gestalt der Mutter und Großmutter in das Leben des Kindes und damit auch die Erkenntnis, dass ein sich erfüllender Wunsch nicht automatisch das große Glück bedeutet. Aber auch hier weiß Maime Trotter, wie sie Gilly helfen kann. „Ich hab nich gesagt, dass das Leben schlimm ist. Sondern dass es hart und mühsam ist. Und wenn man eine schwere Aufgabe gut hinkriegt, dann ist man auch glücklich.“ (S. 204)

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Paterson, Katherine: Gilly Hopkins – Eine wie keine, Fischer-Sauerländer, 2015, € 12,99.

Der zauberhafte Wunschbuchladen

wunschbuchladenZieht die beste Freundin weg, sinkt die Stimmung in den Keller und verzweifelt wird nach einer Möglichkeit gesucht, das Unvermeidbare doch irgendwie zu verhindern. Die Idee die beste Freundin zu diesem Zweck in der Lieblingsbuchhandlung zu verstecken ist eine reine Verzweiflungstat und kann den Lauf der Dinge auch nicht ändern. Mit buchhändlerischer Intuition und einem untrüglichen Gespür für wunde Kinderseelen, bemerkt Frau Eule schnell, dass Clara einen „blinden Passagier“ in den Laden geschmuggelt hat. Für Frau Eule gibt es aber keine Situation, die man nicht  mit den unvergleichlichen Schokotörtchen des benachbarten Bäckers und einer Tasse Kakao wenn nicht lösen, so zumindest zum Besseren wenden kann. Es ist aber nicht nur das große Herz der engagierten Ladenbesitzerin, sondern auch der zum Inventar gehörende Kater Gustaf nebst dem interessanten Spiegel Herrn König, die den Mädchen mit sicherem Blick und patenten Ratschlägen im Handumdrehen gute Laune und ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ein bisschen Magie verschönt und erleichtert das Leben, schützt aber leider nicht vor Alltagsproblemen. Ohne Lene ist Clara plötzlich den Sticheleien von Vivi und deren Freundinnen ausgesetzt, ausgerechnet der Neue in der Klasse sucht sich den freien Sitzplatz neben ihr aus und der heimelige Rückzugsort, die Buchhandlung von Frau Eule, ist in ihrer Existenz bedroht. Katja Frixe gelingt es, mit dem „Wunschbuchladen“ einen wahrhaft magischen Ort zu erschaffen, ohne das normale Leben ihrer sympathischen Protagonisten zu vernachlässigen. Die Bewältigung und Lösung der Probleme macht Mut und baut auf den Zusammenhalt von Groß und Klein und die Verlässlichkeit in der Familie und unter Freunden.

 

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Frixe, Katja: Der zauberhafte Wunschbuchladen, Dressler, 2016, € 12,99.