In der grossen Stadt

in-der-grossen-stadtEine regelmäßig gestellte Frage von Kunden kann ab sofort mit einem strahlenden, „Ja, gibt es wieder. Ist soeben im Diogenes Verlag neu aufgelegt worden.“ beantwortet werden. Richard Scarrys beliebte Bilderbücher, die die große Welt zwischen zwei Buchdeckeln beinhalten, zeigen Groß und Klein, was  um uns herum alles entdeckt werden kann. In der Stadt z. B. ist es interessant zu schauen, welchen Berufen die sympathischen Hunde, Katzen, Schweine, Füchse und all die anderen Vierbeiner nachgehen. Äußerst charmant ist dabei der mehrmals angebrachte Hinweis auf Kinderbücher. So malen Künstler nicht nur Bilder, sondern „Die besten Künstler malen Bilder für Kinderbücher.“ Insofern versteht es sich fast von selbst, dass „die besten Autoren“ ebenfalls auf diesem Gebiet tätig sind. Weiter geht es mit diversen Einkaufsmöglichkeiten, die sich in einer Stadt finden. Mein persönlicher Favorit auf dieser Seite ist der Süsswarenladen. Ja, da kann man schon mal ins Träumen kommen. Ganz bodenständig und sehr geschäftig geht es dagegen auf dem Postamt zu. Hier werden auf einer großen Doppelseite vom Schreiben des Briefes bis zur Zustellung alle wesentlichen Stationen des Versands dargestellt. Die Krönung der umfangreichen Prozedur ist schließlich der Luftsprung von Henris Oma mit dem Brief in der Hand. Es folgen noch zahlreiche andere Stationen wie Feuerwehr, Handwerker, Tischler und Waldarbeiter, Straße und Tankstelle. Der Blick auf die einzelnen Situationen und Tätigkeiten ist stets liebevoll und mit einem kleinen Augenzwinkern versehen. Nach soviel Eindrücken geht es einem am Ende wie „Wachtmeister Meier“. Von all den Erlebnissen in der Stadt ist er rechtschaffen müde und freut sich auf das Abendessen mit seiner Familie. Aber morgen ist ja zum Glück eine neuer Tag …

Buchtipp von Minea Süss

Ab 3 Jahre.

Scarry, Richard: In der grossen Stadt, Diogenes, 2016, €18,00.

Im Jahr des Affen

9783551560193Nicht nur die Verleihung des „Bornheimer 2016“ erinnert an die Tatsache, dass von 1979 bis ca. 1983 zahlreiche Flüchtlinge aus Vietnam in Deutschland Aufnahme, Unterkunft und ein neues Leben fanden. Rupert Neudeck hat mit dem zum Hospitalschiff umgebauten Frachter Cap Anamur dazu beigetragen, dass Flüchtende lebend aus den oftmals viel zu kleinen, klapprigen und  überladenen Booten geborgen werden konnten.

Que Du Luu, 1973 in Saigon geboren, gehört zu den in Vietnam lebenden Chinesen, deren Familie ebenfalls vor dem herrschenden Regime geflohen ist. Mit ihrem Roman „Im Jahr des Affen“ verleiht sie in Gestalt der Protagonistin Mini („Aber Mini wird MINH THI geschrieben.“ S. 192) nicht nur all jenen eine Stimme, die ähnliches erlebt haben, sondern ermöglicht aus der Perspektive der Unbeteiligten, die wir als Lesende ja zwangsläufig einnehmen, wenn nicht ein Einfühlen, dann zumindest ein Öffnen des Blicks für die Sorgen und Nöte des zwischen zwei Kulturen gefangenen Teenagers. Damit steht Mini aber auch stellvertretend für die Jugendlichen, die in dem Aufwachsen verschiedener Kulturen sowohl die Schnittstellen als auch die Grenzen bzw. immer wieder zu bewältigende Konfliktsituationen erleben und meistern müssen. Ausgerechnet in der Euphorie des ersten Verliebtseins wird das junge Mädchen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und muss einsehen, dass es auch sein Gutes hat, die eigenen Wurzeln zu kennen. Auf der anderen Seite ist sie es, die dem Vater nach dem zweiten Herzinfarkt vermittelt, dass Leben und Ankommen in einem fremden Land auch heißt, sich für Neues zu öffnen. Letzteres sollte uns unabhängig von unserer Herkunft ein Ansporn für das tägliche Miteinander sein. Ein Miteinander zwischen Menschen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 14 Jahre.

Du Luu, Que: Im Jahr des Affen, Königskinder, 2016, €16,99.

Die schwarzen Brüder

Die schwarzen BrüderAuch sechsundsiebzig Jahre nach Erscheinen des Klassikers „Die schwarzen Brüder“ von Lisa Tetzner ist  Kinderarbeit in vielen Teilen der Welt kein Relikt der Vergangenheit, sondern zum Leidwesen unzähliger Kinder und Jugendlicher erschreckende Realität. Aktuell weist Amnesty International auf die desolate und entwürdigende Situation der Kinder in den Kobaltminen im Kongo hin. Sind die Veröffentlichungen von Amnesty und anderen Organisationen schon erschütternd, treffen, die differenzierten und punktgenauen Illustrationen von Hannes Binder bis ins Mark. Erschreckend schön hat er dieses menschenverachtende Thema in einer Graphic Novel nach dem Roman von Lisa Tetzner in ästhetisch ausdrucksstarken und anspruchsvollen Bildern in Szene gesetzt. Mit feinen Strichen, akzentuiert durch das gesamte Spektrum der sich aus den Kontrasten schwarz und weiß ergebenden Graunuancen, verleiht Hannes Binder den leidgeprüften Menschen ein Gesicht.

Stellvertretend für viele Jungen und deren Familien im 19. Jahrhundert steht der noch nicht vierzehnjährige Giorgio. Von einem Menschenhändler wird er nach Mailand gebracht, um dort für einen Kaminkehrer in die Schornsteine zu steigen und den Ruß zu entfernen. Das fehlen jeglicher Farbe in den Bildern macht die klaustrophische Enge, die Hitze und von Asche durchsetzte Luft förmlich fühlbar. Bei aller Tragik und Ausweglosigkeit zeigt sich am Ende von Giorgios Leidensweg, wie wichtig es ist, für sich und andere einzustehen, sich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit einzusetzen und diesen Werten eine Stimme zu verleihen.

Buchtipp von Minea Süss

Von 11 bis 99 Jahre.

Binder, Hannes (nach Lisa Tetzner): Die schwarzen Brüder, Graphic Novel, Fischer Verlag, 2015, 14,99 €.

So ist der Winter

so-ist-der-winter-9783855815647-bohemSchnee ist, wie so oft im Rheinland, immer noch nicht in Sicht, dennoch haben wir Winter und insgeheim wünscht man sich in dieser Jahreszeit wenn nicht Schnee, dann zumindest frostige Tage und Sonnenschein für Spaziergänge in kalter, klarer Luft.

Aber seien wir mal ehrlich, wenn es schneit und die wunderbar glitzernden Flocken liegen bleiben, macht das Draußensein bei all den dann möglichen Vergnügungen nochmal soviel Spass.

Kristina Digman ist es gelungen, die schönsten Schneeaktivitäten in zarten Bildern einzufangen. In Verbindung mit den sehr kurzen und knappen Textbeiträgen von Görel Kristina Näslung, zeigt sich die kalte und dunkle Jahreszeit hier von ihrer Schokoladenseite. Der freundlich auffordernde aber auch zufriedene Blick der beiden Kinder auf dem Titelbild lädt zu einer abwechslungsreichen Entdeckungstour durch die Wintermonate ein. Vollkommen unaufdringlich sind zahlreiche Sachinformationen in Text und Bild eingeflochten. So erfährt man z. B., dass Schnee viele unterschiedliche Geräusche macht. Ist er hart gefroren, so knirscht er bei jedem Schritt unter den Schuhen. Eine zugefrorene Pfütze dagegen klirrt fröhlich, wenn die dünne Eisschicht bricht. Spannend ist es auch der Frage nachzugehen, was die Tiere im Winter machen. Denn nicht alle Tiere sind begeistert, wenn die Welt von einer kalten, weißen Decke verhüllt wird. Je kälter es draußen wird und je früher die Dunkelheit hereinbricht, genießen auch die beiden Frischluftkinder in dem Buch gemütliche Stunden in der warmen Stube oder sitzen staunend bei Kerzenschein in einem Iglu.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 3 Jahre.

Näslung, Görel, Kristina; Digman, Kristina: So ist der Winter, Bohem Verlag, 2015, € 12,95.

Augenblick mal! Freischwimmer in der Bilderflut

Joke van Leewen: Augenblick mal! (Buchumschlag)

Mit eigenen Illustrationen und vielen Beispielen aus Kunstgeschichte und Medien-Gegenwart zeigt Joke van Leeuwen anschaulich, wie wir zu unseren Sehgewohnheiten kommen oder wie Manipulation mit Bildern funktioniert. Es geht um optische Täuschungen und darum, wie und warum Maler Farbe und Licht einsetzen. Ob sie den goldenen Schnitt erklärt oder kleine philosophische Umwege geht, Joke van Leeuwen behält ihre jüngeren Leser gut im Blick, ohne die älteren zu vergraulen. Amüsant ist es, den Regierungschefs der Welt vermeintlich dabei zuzuschauen, wie sie die Kontaktlinse von Wladimir Putin suchen. Überraschend ist es, wenn sich Frau und Hund als Hutdekoration entpuppen.

Joke van Leewen: Augenblick mal! (Illustration aus dem Buch)„Augenblick mal!“ ist ein Buch zum Stöbern und lädt immer wieder zum Experimentieren ein. Wenn nach 120 Seiten Schluss ist, wissen wir nicht nur, dass Linien schüchtern werden können oder dass sie Gerüche sichtbar machen, sondern auch einiges über Perspektive, Symbole und die Wirkung von Farben. Und ohne es zu merken, haben wir unseren Freischwimmer für die Bilderflut gemacht.

Joke van Leeuwen , Augenblick mal! – Was wir sehen, wenn wir sehen und warum, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2012, 14,95 Euro

Lesetipp von Wiebke Ollendorf

Ausflug nach Pappenheim

UmschlagWer keine Lust mehr hat, Papier und Pappe zum Recyclingcontainer zu tragen, sollte stattdessen einen Ausflug nach Pappenheim machen. Und vielleicht seinen eigenen Schoko-Laden, Eissalon oder Obststand basteln. Die Berliner Künstlerin und Autorin Claudia Scholl hat eine Unzahl an Ideen für Spielobjekte, Geschenke, Möbel, Kunst und Deko zusammengetragen, die sich fantasievoll aus Karton, Pappe und Papier herstellen lassen. Sie hat daraus ein wunderbares Bastelbuch gestaltet, das ich nur kurz genießen durfte. Denn jetzt ist es im Besitz der Neunjährigen im Hause, die seit Stunden mit Schere, Kleber und Volltonfarben in geheimer Papiermission unterwegs ist. Ob sie eine Lampe baut, einen Hocker, ein Schinkenbrötchen? Wir werden sehen.

Claudia Scholl hat die meisten ihrer Bastelideen so angelegt, dass Kinder sie schnell und einfach mit Recyclingmaterialien aus dem Haushalt verwirklichen können. Aus Pappe, Papier und anderem Verpackungsmaterial entstehen Objekte mit ganz eigenem Charme, die nicht von Pappe sind.

Claudia Scholl, Pappenheim, Haupt-Verlag, Bern 2012, 24,90 Euro

Lesetipp von Wiebke Ollendorf