Haifischzähne

Atlanta geht eine unmögliche Wette mit dem Schicksal ein: In 24 Stunden möchte sie einmal mit dem Fahrrad das gesamte Ijsselmeer umrunden – 360 Kilometer! – Wenn sie es schafft, wird ihre Mutter wieder gesund! Sie hält es nicht mehr aus, Zuhause auf das Untersuchungsergebnis zu warten, und fährt verbissen und wild entschlossen los, egal wie verrückt die Idee sein mag.

Kaum dass sie unterwegs ist, trifft sie auf den Jungen Finley, auch mit dem Rad unterwegs und auch vor irgendetwas auf der Flucht. Oder ist es vielleicht gar nicht so schlecht, zu zweit zu sein? So fahren die beiden Kinder zusammen weiter, mit nichts als zwei Wasserflaschen, zwölf Käsebroten und Haifischzähnen im Gepäck.

Großartig erzählt Anna Woltz eine Geschichte über Familie und Freundschaft, authentisch und lebensfroh, trotz aller Schwierigkeiten, denen Atlanta und Finley begegnen.

Eine ganz besondere Fahrradtour, nach der alles wieder ins Lot kommt. Feinfühlig und zum Nachdenken, mit viel Gefühl aber auch Witz!

 

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 10 Jahren

Woltz: Haifischzähne, Carlsen, 10,00 €

Girl Power! Jetzt reden wir!

Molly hat es satt: Ständig werden an ihrer Schule Mädchen „gekleiderordnet“ – weil ihr Rock einen Zentimeter zu kurz ist, das T-Shirt zu wenig Schulter bedeckt oder die Top-Träger nicht breit genug sind – es scheint so, als würde die „Fingerspitze“ (ein Rock muss länger als die Fingerspitzen der nach unten ausgestreckten Hände sein) geradezu nach Gründen suchen, um Mädchen zu rügen und aufgrund ihrer Kleiderauswahl zum Direktor zu schicken. Außerdem werden die Regeln beliebig ausgelegt, selbst wenn Mädchen dasselbe Outfit tragen, je nachdem, ob sie groß, klein, dünn, dick, farbig oder weiß sind.

Nach einem besonders erniedrigenden Vorfall im Schulgarten, als ihre Freundin Olivia von zwei Lehrern gedemütigt wird, weil sie sich weigert, ihren Pullover anzuziehen, woraufhin die Klassenfahrt für die gesamte Schule abgesagt wird, startet Molly aus ihrem Baumhaus heraus einen Podcast: „Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast“. In diesem erzählen nach und nach immer mehr Mädchen, aus welch absurden Gründen sie in der Vergangenheit „gekleiderordnet“ wurden. So kommt auch ans Licht, dass Olivia mit ihrem Pullover nur einen Fleck an ihrer weißen Hose verdecken wollte, als sie überraschend ihre Periode bekommen hat.

Es beginnt ein stiller Protest, dem sich mehr und mehr Mädchen und schließlich auch Jungen anschließen und der weit über Mollys Schule hinausgeht. Mädchen, die sich seit Jahren ungerecht behandelt fühlen, beginnen endlich, für Veränderung zu kämpfen, indem sie zusammenhalten und ihre Stimme nutzen. Neben den alltäglichen Teenagersorgen über Hausaufgaben, den Abschlussball, den ersten Liebeskummer, Coming-Outs und Familienprobleme gelingt ihnen eine kleine Revolution.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch absolut kurzweilig und mit einem großen Prise Humor geschrieben und man kann es kaum aus der Hand legen. Es wechseln sich Briefe, Aufzeichnungen des Podcasts und Chats mit „normalen“ Kapiteln ab, die alle so originell und abwechslungsreich sind, dass man am liebsten selbst zu Molly ins Baumhaus klettern und sich den tollen, inspirierenden Protagonisten anschließen möchte.

Ein tolles Buch über starke, selbstbewusste Mädchen, authentisch, mit viel Charme und Witz sowie zahlreichen glaubwürdigen und authentisch ausgearbeiteten Figuren, das jeder, der jemals eine Schule besucht hat, definitiv lesen muss!

 

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 11 Jahren

Firestone, Carrie: Girlpower, WooW Books, 16,00 €

Die Liebesbriefe von Abelard und Lily

Die 16-Jährige Lily ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Sie geht zur High School, trifft sich in der Mittagspause mit ihrer besten Freundin und erlebt den typischen Familienalltag mit ihrer jüngeren Schwester und ihrer Mutter. Allerdings hat Lily Legasthenie und ADHS, weshalb sie regelmäßig Medikamente nehmen soll. Da die Tabletten jedoch jegliches Gefühl in ihr abstumpfen lassen, setzt sie sie heimlich ab – was zur Folge hat, dass sie ihre Gedanken nur noch schwer kontrollieren kann und häufig impulsiv handelt.

Die Erkrankung wird überaus sensibel und nachvollziehbar geschildert, sodass man beim Lesen Lilys Innenleben sehr gut nachvollziehen kann. Eines Tages geht durch ihre Impulsivität buchstäblich eine Tür zu Bruch, weshalb sie zur Strafe nachsitzen muss. Dort trifft sie Abelard, der sie in Schutz nimmt – woraufhin Lily ihn spontan küsst. Abelard wiederum hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, und ist zunächst total überrumpelt. Ihm fällt es schwer, sich an der hektischen und lauten Schule zu integrieren, er ist jedoch hochintelligent.

Langsam entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden. Lily liebt klassische Bücher, weil sie diese immer zusammen mit ihrem Vater gelesen hat, bevor dieser die Familie verlassen hat. Daher beginnt sie, Abelard wegen der Namensähnlichkeit SMS in Anlehnung an die „Liebesbriefe“ von Peter Abaelard und Heloïse zu schicken. So entsteht eine tiefgründige, intensive Beziehung zwischen den beiden, auch wenn sie sich im realen Leben nur sehr langsam näherkommen, weil Berührungen für Abelard schwierig sind.

Als er auf eine Universität am anderen Ende des Landes gehen soll und Lily eine OP vorgeschlagen bekommt, die ihr die negativen Auswirkungen ihrer Erkrankung nehmen soll, wird die Liebe der Teenager auf die Probe gestellt. Durch den einfühlsamen Schreibstil der Autorin, die selbst ADHS und Legasthenie hat, erhält man einen authentischen Einblick in Lilys Gedankenwelt und kann sich ihrem Charme nicht entziehen. Auch wenn ihre Handlungen für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar sind – Abelard findet sie perfekt: wie „eine gebrochene Schneeflocke, ein sich in unendlichen Details wiederholendes Muster in einer Welt voller Salzkristalle.“

(Neben Abelard und Lily gibt es eine Reihe von Nebencharakteren, die hier nicht vergessen werden sollen, weil sie alle auf ihre Art wichtig für die Geschichte und mit viel Tiefe gezeichnet sind.)

 

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 14 Jahren

Creedle, Laura: Die Liebesbriefe von Abelard und Lily, DTV, 16,95 €

Lügentochter

„Ab heute gibt es nur noch ein Davor und ein Danach.” Als Piper aufwacht weiß sie genau, dass etwas nicht stimmt. Sie befindet sich im Haus einer fremden Frau, die ihr mitteilt, dass sie von nun an hier wohnen wird. Aber egal, wie nett die Frau auch tut, Piper weiß genau, dass sie zu „ihnen“ gehört. Aber wer „die“ überhaupt sind und was sie von ihr wollen, das weiß sie nicht, nur, dass sie ihnen nicht trauen kann.

Davor hat Piper ein scheinbar idyllisches Leben. Sie lebt mit ihren Geschwistern in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Haus auf dem Gelände eines stillgelegten Vergnügungsparks und alles scheint perfekt – so lange sie keine Fragen stellt. Den nagenden Hunger, die Erschöpfung durch körperliche Arbeit und den Schmerz der Schläge ihrer Tanten nimmt sie kritiklos hin. Denn ihr Vater ist ein Prophet, was er predigt, ist Gesetz. Piper folgt ihm blind und hätte alles getan, um ihn stolz zu machen, damit er sie endlich zu seinen Anhängern in die Kolonie mitnimmt. Ihr ist nicht bewusst, dass sie in einer Sekte aufwächst und sie glaubt sämtliche Lügen, die ihr Vater der Familie erzählt. Als ihr Adoptivbruder Thomas, der vom Vater schon in die Gemeinschaft mitgenommen wurde, anfängt, diesem zu misstrauen und ihre Lebensweise anzuzweifeln, ist Piper verunsichert: Soll sie ihrem Vater davon erzählen? Doch sie möchte auf keinen Fall ihre eigene Initiation gefährden …

Danach ist Piper von ihren Geschwistern getrennt und in die Außenwelt verschleppt worden. Sie versteht buchstäblich die Welt nicht mehr, da plötzlich alles, woran sie ihr Leben lang geglaubt hat, in Frage gestellt wird. Alle Gefahren, vor denen ihr Vater sie immer gewarnt hat, prasseln auf sie ein. Sie kann nicht mehr unterscheiden, was Lüge und was Wahrheit ist. Hatte Thomas etwa Recht? Wer sind ihre Eltern? Und wie kann sie der Frau entkommen und zu ihrer Familie zurückkehren?

Der Roman besticht durch seinen  fesselnden, authentischen und emotionalen Schreibstil von der ersten Seite an – ich habe ihn ohne Pause durchgelesen! Besonders mitreißend ist der Wechsel zwischen den zwei Zeitebenen der Vergangenheit und Pipers Gegenwart, der die spannungsgeladene Atmosphäre durchgehend aufrechterhält. Pipers Gefühle und Gedanken werden so eindrücklich und intensiv beschrieben, dass ihr blindes Vertrauen in den Vater und ihre schiere Verzweiflung in der realen Welt absolut nachvollziehbar sind – erschreckend beeindruckend!

 

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 13 Jahren

Peterson, Megan Cooley: Lügentochter. Magellan Verlag, 17,00 €.

Meeresglühen – Geheimnis in der Tiefe

Ella verbringt die Sommerferien wie immer  in Cornwall, im Cottage ihrer Granny. Als sie mit Snowflake, dem Hund ihrer Oma, bei einem regnerischen Strandspaziergang einen Surfer reglos im Wasser treiben sieht, weiß sie, was zu tun ist: Ohne länger darüber nachzudenken springt sie ins Wasser und schafft es, den jungen Mann ans Ufer zu ziehen.

Aris, so sein Name, möchte keinesfalls, dass sie einen Arzt ruft und faselt wirres Zeug, dass er sonst getötet würde. Ella ist gleichermaßen irritiert wie fasziniert, da sie sich Aris‘ geheimnisvoller Anziehung nicht entziehen kann, auch wenn sie befürchtet, dass er unter Drogen stehen könnte. Er macht ein großes Geheimnis aus seiner Herkunft und scheint die einfachsten Dinge des Lebens nicht zu kennen. Dennoch freunden die beiden sich an und es entspinnt sich eine zarte Liebesgeschickte – doch Aris will in seine Welt zurückkehren. Welche genau das ist, wird hier natürlich nicht verraten. Aber plötzlich steckt Ella mittendrin in dieser magischen, mystischen Welt, die ihre kühnsten Fantasien übersteigt. Diese wird von der Autorin gekonnt beschrieben, sodass man das Gefühl hat, selbst dabei zu sein. Besonders die vielen neuen Ideen, die ich so noch nicht gelesen habe, haben mich überzeugt.

Von der wunderschönen Covergestaltung bis zur liebevollen Gestaltung der Charaktere ist dies ein rundum wunderschönes Buch. Es ist der Auftakt einer spannenden Trilogie, der mich mit seinen Ideen und dem flüssigen Schreibstil restlos überzeugt hat und mit einem kleinen Cliffhanger endet, der Lust auf den zweiten Band macht. Es fällt leicht, sich in die neugierige und hilfsbereite Ella mit ihrem losen Mundwerk und den rätselhaften Aris aus der geheimnisumwobenen fremden Welt hineinzuversetzen und mit ihnen das Geheimnis in der Tiefe zu erforschen. Besonders witzig fand ich Ellas Zwiegespräche mit ihrer inneren Stimme, die das Geschehen oft ironisch kommentiert.

 

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 14 Jahren

Fleck, Anna: Meeresglühen – Geheimnis in der Tiefe. Coppenrath-Verlag, 20,00 €.

Perfect Storm

Sechs junge Hacker aus der ganzen Welt lernen sich bei einem Online-Computerspiel kennen und freunden sich an, obwohl sie und ihre Lebensumstände nicht unterschiedlicher sein könnten. Nachdem sie von den menschenverachtenden Umständen in afrikanischen Minen erfahren haben, beschließen sie, sich gemeinsam in die Netzwerke zweier US-Konzerne zu hacken, welche darin verwickelt sind. Schnell kommt ihnen ein junger Agent des amerikanischen Geheimdienstes auf die Spur – doch auf wessen Seite steht er eigentlich?

Ein extrem spannender, aktueller Thriller, der mich sofort gepackt hat, obwohl ich mit Online-Games und Hacking eigentlich nicht das Geringste am Hut habe. Schnell kommt man als Leser selbst ins Grübeln, wer hier die „Guten“ sind und ob das Gesetz immer die Richtigen schützt.

 

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 14 Jahren

Reinhardt, Dirk: Perfect Storm. Gerstenberg-Verlag, 18,00 €.

Cryptos

Jana und ihre Kollegen arbeiten in einer fernen Zukunft als „Weltendesigner“. Das bedeutet, dass sie virtuelle Welten erschaffen und betreuen, in welchen die Menschen ihre Tage verbringen. Die reale Welt ist kaum noch bewohnbar, Hitze, große Trockenheit und zunehmende Naturkatastrophen haben dafür gesorgt, dass der Großteil der Menschheit nur noch virtuell lebt, um der trostlos gewordenen Erde zu entkommen, und lediglich für die einstündigen „Realitätschecks“ in die Wirklichkeit zurückkommt.

Der Wahl der virtuellen Welt, in der man seine Zeit verbringen möchte, sind keine Grenzen gesetzt –  vom England der viktorianischen Zeit über das Leben mit Dinosauriern, Elfen oder Vampiren, in Fantasiewelten oder Städten, die in der Realität längst zerstört wurden oder dem Klimawandel zum Opfer gefallen sind – in den alternativen Realitäten, in denen jeder spannende Abenteuer erleben kann, werden keine Grenzen gesetzt. Währenddessen befinden sich die Körper der Menschen eigentlich in einer Art Kapsel, in der sie aufwachen, sobald sie in der virtuellen Welt einschlafen.

Plötzlich gehen in Janas virtueller Welt „Kerrybrook“ merkwürdige Dinge vor: Menschen verschwinden plötzlich und tauchen nicht wieder auf, außerdem scheint ein Phantom, vermutlich ein Hacker, sein Unwesen in ihrer Welt zu treiben. Jana beschließt, selbst in ihre virtuelle Welt einzutauchen, um den merkwürdigen Ereignissen auf den Grund zu gehen. Doch plötzlich wacht sie nicht mehr in ihrer Kapsel auf, sondern ist in der virtuellen Welt gefangen. Jana muss handeln und kommt einem Verbrechen auf die Spur, das das Leben vieler Menschen bedroht, die ahnungslos in ihren Kapseln liegen.

Das Buch zeichnet auf beklemmend aktuelle Weise eine Welt, wie sie durch die Folgen des Klimawandels und die ansteigende Erderwärmung in Zukunft aussehen könnte. Was könnte passieren, wenn die Erde immer unbewohnbarer wird und technologische Innovationen den Menschen ersetzen? Aus Janas Perspektive wird die Geschichte so spannend erzählt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Es gibt viele überraschende Entwicklungen, spannende Verfolgungsjagden und einen Wettlauf gegen die Zeit – ein rasanter Mix aus Fantasy, Science Fiction und Krimi!

 

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 14 Jahren

Ursula Poznanski: Cryptos, Loewe-Verlag, 19,95 €

City Spies – Gefährlicher Auftrag

Sara wird seit sie denken kann von einer Pflegefamilie in die nächste geschoben und keine hat sie bisher nett behandelt. Darum hat sie sich in das System der Pflegebehörde gehackt, um ihren gemeinen Pflegeeltern eins auszuwischen und deren kriminelle Machenschaften aufzudecken. Dafür droht ihr nun Jugendhaft – und ihr mieser Pflichtverteidiger scheint auch kein Interesse daran zu haben, ihr zu helfen. Als plötzlich ein schicker, fremder Mann auftaucht  und sich für Saras neuen Anwalt ausgibt, ist sie zunächst misstrauisch – vor allem, weil er von ihr verlangt, sich in die Justizdatenbank einzuhacken. Dafür verspricht er ihr aber auch, das Gerichtsgebäude ohne Strafe zu verlassen, wenn sie ihm vertraut.

Sara hat nichts zu verlieren und so spielt sie mit – um sich kurz darauf in dem größten Abenteuer ihres Lebens wiederzufinden. „Mother“, wie der Fremde sich nennt, nimmt sie mit nach Schottland, wo sie mit einer Gruppe anderer außergewöhnlich begabter Kinder zusammenleben wird. Die Kinder aus aller Welt werden dort zu Spionen ausgebildet und es wartet auch gleich der erste Auftrag: Die Welt muss vor einer geheimen Organisation gerettet werden, die die Menschheit einem tödlichen Virus aussetzen will!

City Spies – Gefährlicher Auftrag ist der spannende Auftakt zu einer neuen Agenten-Serie. Die Mischung der Charaktere macht es dem Leser leicht, sich in die Kinder hineinzuversetzen und trotz ihrer Differenzen wachsen die Protagonisten zu einem festen Team zusammen und werden zu der Familie, die Sara nie hatte. Rasant geschrieben und so mitreißend, dass man das Buch kaum zur Seite legen kann.

Buchtipp von Helena Flenner

Ab 11 Jahren

James Ponti City Spies – Gefährlicher Auftrag, Carlsen, 15,00 €