Im Jahr des Affen

9783551560193Nicht nur die Verleihung des „Bornheimer 2016“ erinnert an die Tatsache, dass von 1979 bis ca. 1983 zahlreiche Flüchtlinge aus Vietnam in Deutschland Aufnahme, Unterkunft und ein neues Leben fanden. Rupert Neudeck hat mit dem zum Hospitalschiff umgebauten Frachter Cap Anamur dazu beigetragen, dass Flüchtende lebend aus den oftmals viel zu kleinen, klapprigen und  überladenen Booten geborgen werden konnten.

Que Du Luu, 1973 in Saigon geboren, gehört zu den in Vietnam lebenden Chinesen, deren Familie ebenfalls vor dem herrschenden Regime geflohen ist. Mit ihrem Roman „Im Jahr des Affen“ verleiht sie in Gestalt der Protagonistin Mini („Aber Mini wird MINH THI geschrieben.“ S. 192) nicht nur all jenen eine Stimme, die ähnliches erlebt haben, sondern ermöglicht aus der Perspektive der Unbeteiligten, die wir als Lesende ja zwangsläufig einnehmen, wenn nicht ein Einfühlen, dann zumindest ein Öffnen des Blicks für die Sorgen und Nöte des zwischen zwei Kulturen gefangenen Teenagers. Damit steht Mini aber auch stellvertretend für die Jugendlichen, die in dem Aufwachsen verschiedener Kulturen sowohl die Schnittstellen als auch die Grenzen bzw. immer wieder zu bewältigende Konfliktsituationen erleben und meistern müssen. Ausgerechnet in der Euphorie des ersten Verliebtseins wird das junge Mädchen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und muss einsehen, dass es auch sein Gutes hat, die eigenen Wurzeln zu kennen. Auf der anderen Seite ist sie es, die dem Vater nach dem zweiten Herzinfarkt vermittelt, dass Leben und Ankommen in einem fremden Land auch heißt, sich für Neues zu öffnen. Letzteres sollte uns unabhängig von unserer Herkunft ein Ansporn für das tägliche Miteinander sein. Ein Miteinander zwischen Menschen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 14 Jahre.

Du Luu, Que: Im Jahr des Affen, Königskinder, 2016, €16,99.

Die schwarzen Brüder

Die schwarzen BrüderAuch sechsundsiebzig Jahre nach Erscheinen des Klassikers „Die schwarzen Brüder“ von Lisa Tetzner ist  Kinderarbeit in vielen Teilen der Welt kein Relikt der Vergangenheit, sondern zum Leidwesen unzähliger Kinder und Jugendlicher erschreckende Realität. Aktuell weist Amnesty International auf die desolate und entwürdigende Situation der Kinder in den Kobaltminen im Kongo hin. Sind die Veröffentlichungen von Amnesty und anderen Organisationen schon erschütternd, treffen, die differenzierten und punktgenauen Illustrationen von Hannes Binder bis ins Mark. Erschreckend schön hat er dieses menschenverachtende Thema in einer Graphic Novel nach dem Roman von Lisa Tetzner in ästhetisch ausdrucksstarken und anspruchsvollen Bildern in Szene gesetzt. Mit feinen Strichen, akzentuiert durch das gesamte Spektrum der sich aus den Kontrasten schwarz und weiß ergebenden Graunuancen, verleiht Hannes Binder den leidgeprüften Menschen ein Gesicht.

Stellvertretend für viele Jungen und deren Familien im 19. Jahrhundert steht der noch nicht vierzehnjährige Giorgio. Von einem Menschenhändler wird er nach Mailand gebracht, um dort für einen Kaminkehrer in die Schornsteine zu steigen und den Ruß zu entfernen. Das fehlen jeglicher Farbe in den Bildern macht die klaustrophische Enge, die Hitze und von Asche durchsetzte Luft förmlich fühlbar. Bei aller Tragik und Ausweglosigkeit zeigt sich am Ende von Giorgios Leidensweg, wie wichtig es ist, für sich und andere einzustehen, sich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit einzusetzen und diesen Werten eine Stimme zu verleihen.

Buchtipp von Minea Süss

Von 11 bis 99 Jahre.

Binder, Hannes (nach Lisa Tetzner): Die schwarzen Brüder, Graphic Novel, Fischer Verlag, 2015, 14,99 €.

Liebe und andere Fremdwörter

Liebe und andere FremdwörterWer denkt, ein überdurchschnittlich hoher Intelligenzquotient sei ein Geschenk des Himmels und erleichtere das Leben auf eine kaum in Worte zu fassende, angenehme Art, der irrt gewaltig. Herzensangelegenheiten lassen sich eben nicht in Formeln darstellen oder in pro und contra Diskussionen erörtern. Langes und intensives Nachdenken über die hypothetische Frage, ob Josie sich in der Zukunft vorstellen könne, sich in ihren Schulballbegleiter zu verlieben, führt auch in eine Sackgasse.

Dabei ist das Leben auch so schon kompliziert genug. Ständig ist die wortgewandte und selbstreflektierte Fünfzehnjährige damit beschäftigt, die unterschiedlichen Sprachen, die sie umschwirren zu entschlüsseln und sich darauf einzustellen. Allein innerhalb der Familie herrscht ein babylonisches Sprachwirrwarr. Neben einer gemeinsamen, gibt es noch die Eltern-Josie und Geschwister-Josie sowie die Schwager und zukünftiger Schwager-Josie-Sprache. Ausgestattet mit feinen Antennen, registriert Josie sämtliche Abstufungen in ihrem sozialen Umfeld und macht sich ihre Gedanken.

Eine gesunde Portion Selbstironie und eine gewisse Bodenstädigkeit, verhelfen dem reifen Teenager sich schließlich einzugestehen, dass sie mit dem verhassten Schwager in Spe mehr Gemeinsamkteiten hat als ihr lieb ist, und das der beste Freund weitaus mehr Qualitäten besitzt, als beste Freunde gemeinhin zu haben pflegen. Lesende dürfen sich auf eine sensibel munter heitere Lösung des Gordischen Sprach- und Gefühlsknotens freuen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 14 Jahre.

McCahan, Erin: Liebe und andere Fremdwörter, FJB Verlag, 16,99 €.

 

Die Ballade von der gebrochenen Nase

Die Ballade von der gebrochenen NaseDie von seiner Mutter verordneten Boxstunden machen aus dem knapp dreizehnjährigen Bart weder einen muskelbepackten Draufgänger, noch wecken sie die Begeisterung für diesen Sport in dem Jungen. Bart bleibt was er ist. Ein höflicher, etwas schüchterner Fast-Teenager mit schmächtigem Körper, der es in den Trainingsstunden nicht über sich bringt, den Gegner anzugreifen.

Der Gegensatz zu seiner wahren Leidenschaft und einem unglaublichen, für die Außenwelt verborgenen, Naturtalent, könnte größer nicht sein. Bart kann begnadet singen. Sein Publikum ist allerdings sehr übersichtlich, besteht es doch hauptsächlich aus seiner Mutter und seiner Oma. Und auch diese kommen nur in den Genuss von Barts Stimme, wenn die Badezimmertür den direkten Blickkontakt verhindert. Neben all den Problemen, die das Leben mit einer Alkoholabhängigen und an Diabetes leidenden Mutter mit sich bringt, ist die Angst vor Publikum zu singen, Barts größtes Hindernis, zu sich selbst zu finden.

Arne Svingen erzählt in einem heiter-melancholischen Ton und führt die Lesenden langsam in die bedrückende Lebenswelt der sympathischen Hauptfigur ein. Wer zwischen den Zeilen liest, ist nicht überrascht, wenn nach und nach die prekären Verhältnisse zu Tage treten. Zwei Figuren, von denen man es zunächst nicht vermutet, sind schließlich maßgeblich daran beteiligt, dass es eine Wende in Barts Leben gibt und sich neue Perspektiven öffnen.

Lesetipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre

Svingen, Arne: Die Ballade von der gebrochenen Nase, Boje Verlag, 12,99 €.

Aquamarin

AquamarinWas als vermeintliche Mobbinggeschichte beginnt, entwickelt sich in rasantem Tempo zu der Suche nach der eigenen Identiät und der Frage nach gesamtgesellschaftlichem Handeln. Diese Auseinandersetzung mit sich selbst, und den lebensweltlichen Rahmenbedingungen, gewinnt insbesondere durch den Erzähltrick alles Geschehen in der nahen Zukunft anzusiedeln an Bedeutung. Die zeitliche Distanz in Gestalt einer zukünftigen Gegenwart nutzt Andreas Eschbach einmal mehr, um eindringlich und ohne den erhobenen Zeigefinger, darauf hinzuweisen, wieviel Zukunft bereits in unserer aktuellen, außerliterarischen Gegenwart steckt.

Der spannend, kritische Blick auf die stetig zunehmende Digitalisierung und Technisierung unserer Welt, stammt aus der Perspektive der Sechzehnjährigen Saha. Zusammen mit ihrer Tante lebt sie in einem gepflegten Küstenort in Australien. Nicht nur die fehlenden Eltern und überschaubaren finanziellen Mittel machen Saha zu einer Außenseiterin. Viel schwerer wiegt die Tatsache, dass sie aufgrund einer körperlichen Anomalie nicht schwimmen darf. In einer Gesellschaft, die sich in erster Linie über alles Maritime definiert, ist ein Schwimmverbot allerdings genauso auffällig wie ein bunter Hund oder ein Kalb mit zwei Köpfen.

Neben der Tante und einer engagierten Lehrerin stellt sich einzig der stille Pigrit, Sohn eines Professors, der noch im Besitz richtiger Bücher ist, auf Sahas Seite. Mit seinem Wissen und den Büchern seines Vaters öffnet der unscheinbare Junge unbewusst Saha den Weg zu ihrer wahren Natur.

Lesetipp von Minea Süss

Ab 14 Jahre

Eschbach, Andreas: Aquamarin, Arena Verlag, 17,99 €