Mississippi Bande

Schon auf den ersten Seiten dieses gelungenen Abenteuerromans spürt man förmlich die feuchtwarme Südstaatenhitze auf der Haut. Davide Morosinotto entführt uns in bester Huckleberry Finn Manier in den tiefen Süden der USA zur Zeit der Jahrhundertwende. Nicht nur die plastischen Beschreibungen des weit verzweigten Mississippi Deltas, sondern auch die authentischen Karten-, Katalog- und Zeitungsausschnitte, die in loser Reihenfolge die einzelnen Kapitel schmücken, erhöhen das Lesevergnügen beträchtlich und vermitteln das Gefühl der direkten Teilhabe. Die unglaubliche Vielzahl verlockender Produkte, die auf den Katalogseiten bestaunt werden kann, hat mir meine eigene Leidenschaft für diese dicken Wälzer in der Kindheit in Erinnerung gerufen. Fern der nächsten großen Stadt, kündeten der Quelle und Neckarmann Katalog von Verlockungen aus einer anderen Welt. Umso verständlicher erscheint der Drang, der vier wie Pech und Schwefel zusammenhaltenden Kinder etwas aus dem vielgeliebten Katalog zu bestellen, als sie die für sie schier unermessliche Summe von drei Dollar finden. Ausgerechnet diese heimlich getätigte Bestellung, ist der Beginn eines unglaublichen Abenteuers, einer Reise quer durch das Land, durch verschiedene Bundesstaaten, zunächst mit einem Einbaum, dann auf einem Dampfer schließlich mit der Eisenbahn, immer das Ziel Chicago vor Augen, um dort beim Versandhändler persönlich den falsch gelieferten Gegenstand abzugeben. Natürlich birgt die irrtümlich gelieferte Taschenuhr ein Geheimnis und führt die Kinder auf die Spuren eines Verbrechens, dessen Aufklärung bisher noch niemandem gelungen ist. Das Zusammenspiel der Stärken der vier sehr unterschiedlichen Charaktere, von denen mit Julie und Tit ein Geschwisterpaar dabei ist, verhilft schließlich der Wahrheit ans Licht und stellt gleichzeitig die Weichen für das spätere Leben der vier.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Morosinotto, Davide: Die Mississippi Bande – Wie wir mit drei Dollar reich wurden, Thienemann, 2017, € 14,99.

Rico & Oskar – Fische aus Silber

Mit dem ihm eigenen Gespür für Situationscomic, bzw. einem über die drei Rico und Oskar Bände geschulten Auge für komische Momente im Alltag, wahrgenommen aus der unverstellten Kinderperspektive, erfreut Andreas Steinhöfel die Fangemeinde dieser einzigartigen kleinen Kerle, nun mit dem Beginn einer Comicreihe.

Zusammen mit dem Illustrator Peter Schössow ermöglicht uns Steinhöfel einen Hausbesuch in der Dieffe 93. Um alle Freunde der lecker belegten kleinen Brote, die mein Opa ebenfalls sehr filigran herzustellen wusste, aber leider nicht so eine schöne Bezeichnung dafür parat hatte, zu beruhigen, sei an dieser Stelle schon erwähnt, Müffelchen sind auch in der Comic Version ein unbedingter Bestandteil für alle Lebenslagen, in denen es um Gemütlichkeit, Wohlbefinden und Behaglichkeit geht. Vor dem Genuss selbiger sind allerdings ein paar Turbulenzen zu durchstehen. Nachdem die Müllabfuhr das von den Jungen liebevoll hergerichtete Sperrmüll-Wohnzimmer vor dem Haus in null Komma nichts dem Erdboden gleich gemacht hat, sind Rico und Oskar so eingestaubt, dass sie sich ein Bad genehmigen. Und damit fängt das neue Abenteuer erst richtig an. Abenteuer ist eigentlich nicht das passende Wort, Expedition trifft es eher. Mit dem Entdecken der wieselflinken Silberfische auf den Badezimmerfliesen, wird der Blick auf etwas sehr kleines, von dem wahrscheinlich viele Menschen behaupten, sie hätten so ein Ungeziefer selbstverständlich nicht in ihrem privaten Sanitärbereich, gezoomt und dank Oskars lexikalischen Wissen genauestens analysiert und kommentiert. Begeistert bin ich deswegen nach wie vor nur sehr bedingt von diesen auch bei mir wohnenden Haustieren, aber dazugelernt habe ich einiges. Den Kindern wachsen die glitzernden Tierchen jedoch sehr ans Herz und da die Dieffe 93 für die beiden Jungen ein tolles Zuhause ist, liegt es nahe, dass so unbescholtene Lebewesen wie Silberfische auch ein Recht auf eigene vier Wände haben.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Steinhöfel, Andreas: Rico & Oskar – Fische aus Silber, Carlsen, 2017, € 9,99.

Wer hat Angst vorm schwarzen Gespenst?

Hart ist das Gespensterleben. Marti lebt allein im Waschsalon und das größte Vergnügen für ihn ist ein Bad im 30-Grad-Programm mit anschließendem Schleudergang. Was Kuschel- und Haustieren bekannter Maßen nicht gut bekommt, ist für das kleine Gespenst Enstpannung und Spaß pur, nur leider hat er keinen, mit dem er dies feucht-fröhliche Erlebnis teilen kann. Gespenster sind gesellige Wesen und leiden durchaus unter Einsamkeit, wenn so gar kein anderer Geist zum spuken da ist. Gesellschaft naht unerwartet mit der Wäschelieferung des Theaters. Aus der Schmutzwäsche lugt ein bunt getupftes Gespenstermädchen hervor. Luzi, ihres Zeichens Theatergespenst, ist ebenso allein wie Marti und noch dazu ohne Zuhause, denn das Theater soll geschlossen werden. Leider kann Luzi der turbulenten Freizeitbeschäftigung Martis wenig abgewinnen, vorallem als ihr Gespensterkleid im Hemdentrockner groß und größer und auch völlig unförmig wird. Martis Fazit: „Ein bisschen zickig, aber irgendwie ganz nett.“ (S. 13) Keine Frage, dass er unerschrocken hinter der empörten Gespensterdame hersaust, als diese den Waschsalon verlässt.

Im Laufe der Geschichte erleben die beiden Gespensterchen tolle Abenteuer und finden an unerwarteten Orten weitere Gefährten. Gemeinsam machen sie sich auch auf die Suche nach dem geheimnisvollen schwarzen Gespenst, das seit einiger Zeit sein Unwesen in der Stadt treibt und alle in Angst und Schrecken versetzt. Die putzigen Bilder von Susanne Göhlich machen aus der witzig und liebevoll erzählten Geschichte von Britta Nonnast ein wunderbares Vorlesebilderbuch. Ohne den didaktischen Zeigefinger zu erheben, wird das Thema Vorurteile dezent und amüsant in Szene gesetzt und wer hätte schon gedacht, dass Gespenster tatsächlich in der Wahl ihres Geistergewands auf weiß fixiert sind?

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Nonnast, Britta; Göhlich, Susanne: Wer hat Angst vorm schwarzen Gespenst?, Orell Füssli Kinderbuch, 2017, € 12,95.

Fledereule – Eulenmaus

Neue Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Häufig sind sie plötzlich einfach da und nicht selten dauert es eine ganze Weile, bis man sie richtig zu Gesicht bekommt. Bei Familie Eule vollzieht sich der erste Kontakt zu den Neulingen schneller, als es der gestrengen Mutter lieb ist. Lautlos flattern Mama Fledermaus und ihre drei Sprösslinge heran, um sich just den Ast als Quartier auszusuchen, auf dem bereits die Eulen sanft schlummern. Mit der „Nachtruhe“ ist es jäh vorbei. Wenn vier Fledermäuse von unten an den Hausast von Eulens andocken, bleibt kein Auge zu. Nicht nur das Interesse sondern auch die akrobatischen Bemühungen der kleinen Eulen ist geweckt, um einen Blick auf die Unterbewohner zu werfen. Das energische Einschreiten von Mama Eule unterbindet in Windes Eile den Entdeckergeist des Nachwuchses. Man rückt näher Richtung Stamm. Ein bischen Abstand kann ja nicht schaden. Wer ein echter Entdecker sein will, lässt sich davon zum Glück nicht abhalten. Umso mehr, wenn aus dem Fledermauslager ebenfalls deutliche Signale kommen, die eine Kontaktaufnahme anstreben. Es sind jeweils die jüngsten der Familie, die sich neugierig beäugen und mutig aufeinander zugehen. Und Mut ist durchaus von Nöten, wenn man als  Eulenkind plötzlich kopfüber am Ast hängt. Das eigentliche Abenteuer beginnt aber erst mit einer Windböe, die alles durcheinander wirbelt und die Vorbehalte der Eltern buchstäblich wegbläst. Um den Nachwuchs zu retten, zieht man an einem Strang und findet zueinander. Das charmante Bilderbuch von Marie-Louise Fitzpatrick kommt ohne Text aus und erfordert beim Betrachten ein genaues Auge, dass auch die kleinen Randdetails in den Blick nimmt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 4 Jahre.

Fitzpatrick, Marie-Louise: Fledereule – Eulenmaus, Fischer-Sauerländer, 2017, € 14,99.

 

Der alte Mann und das Meerschweinchen

Ob Ernest Hemingway den possierlichen vierbeinigen Ureinwohnern Südamerikas etwas abgewinnen konnte ist nicht überliefert. Und ob das Wortspiel in Jens Sparschuhs Titel ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen des berühmten Literaten gezaubert hätte, wird sich ebenso wenig beantworten lassen. Unabhängig von meiner Begeisterung für die übersichtlich großen Fellknäuele, hatte ich beim Lesen die ganze Zeit ein beschwingtes Lächeln im Gesicht und ein unterdrücktes Lachen an der einen oder anderen Stelle hat mir diverse misstrauische Blicke der umsitzenden Mitreisenden im Zug beschert. Die Handlung der kurzweiligen Geschichte ist schnell erzählt. Familie Polke ist in seliger Vorfreude auf den gemeinsamen Familienurlaub am Meer. Bei der Durchsicht der Reisepapiere stellt sich jedoch einen Tag vor der Abreise heraus, dass Haustiere nicht erlaubt sind. Die Not ist groß, eine Lösung muss her und zwar schnell. Kurzentschlossen prüft Angelina die Haustierbetreuungsqualitäten von Nachbar Möhring. Das der schüchterne und zurück gezogen lebende Witwer in seiner unbeholfenen Art die Frage nach Haustieren mit „Ja“ beantwortet und dabei die Stubenfliege und Spinne in der Zimmerecke im Blick hat, kann die besorgte Meerschweinchenbesitzerin ja nicht ahnen. Konfrontiert mit dem quietschenden Tier und unterstützt von dem wunderbar dicken Ratgeberbuch für alle Meerschweinbelange und der unternehmungslustigen Frau Waller, wächst Herr Möhring über sich hinaus und entdeckt nicht nur seine Zuneigung zu Meerschweinchen, nein er entdeckt das Leben neu und begibt sich mitsamt Tier und Herzensdame auf eine Reise, die für alle eine Überraschung bereit hält. Die witzige Geschichte ist warmherzig erzählt und richtet den Blick auf die Nöte von Groß und Klein inklusive origineller Lösungen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Sparschuh, Jens: Der alte Mann und das Meer- Schweinchen, Gerstenberg, 2017, €12,95.

Frag mich!

Der Gedanke an die in absehbarer Zeit beginnende Fragephase der Nichte treibt mir schon jetzt die Schweißperlen auf die Stirn. Beim Auspacken der Verlagslieferungen ertappe ich mich immer wieder dabei  Gedankenverloren in den neuesten Wissensbüchern für Vorschulkinder zu blättern, in der Hoffnung die unzähligen Informationen zu allen erdenklichen Themen finden von allein ihren Weg in mein Hirn. Das die berühmten Warum-Fragen deutlich vor dem Vorschulalter von interessierten Kindern in die Welt gerufen werden, trägt keinesfalls zu meiner Beruhigung bei. Ganz im Gegenteil, wie soll das denn funktionieren? Am besten, indem ich die erste Frage abwarte und dann schaue, was sich machen lässt.

Kaum erwarten kann ich es allerdings, selber Fragen zu stellen. Mit dem Klassiker „Frag mich“ von Antje Damm macht dies nochmal soviel Spaß. Die umfangreiche Fragesammlung, ist ein Schatzkästchen für die gesamte Familie.  Jeder Frage ist jeweils ein Bild zugeordnet, dass als zusätzlicher Ideengeber oder Gedankenanstoß für die Antwort dienen kann. Das Schneckenhaus als Ergänzung zu der Frage „Wo möchtest du einmal wohnen“, eröffnet gar ganz neue Welten. Tiere wohnen ja auch. Nur wo wohnen sie und wie? Da lohnt sich doch der Gang zum Bücherregal und der Blick ins Kinderlexikon, um sich forschend auf die Suche nach Antworten zu machen. Bei der Frage „Was hast du schon mal geerntet?, bin ich schon jetzt gespannt, ob die hoch im Kurs stehenden Erbsen und Tomaten bei Oma und Opa im Garten genannt werden. Viele von den Fragen treffen, wenn man das Buch als Erwachsener in die Hand nimmt mitten ins Herz und ermöglichen die Begegnung mit uns selbst und denen, die uns nahe stehen.

 

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Damm, Antje: Frag mich!, Moritz Verlag, 2002, € 15,00.

 

Eselsbrücken – Merksätze, Gedichte und ganz viel Lustiges

eselsbrueckenMerksätze und Eselsbrücken gehören seit Generationen zum Schulalltag wie Pausenbrot und Spickzettel. Verfügt man über ein großes Repertoire dieser zum Teil bewusst an Nonsensverse erinnernden Lernhilfen, benötigt man das in schweißtreibender Arbeit hergestellte Zettelchen gar nicht. Auf keinen Fall sollte man sich von der an Schulfächern orientierten Aufteilung abschrecken lassen. Die unter Sachkunde, Mathematik und Deutsch zusammengetragenen Reime vermitteln unzählige Tipps und Fakten zu den unterschiedlichsten Themengebieten der einzelnen Fächer. Zwischen den Buchdeckeln können Grundschulkinder (und ihre Eltern) eine Vielzahl an Informationen entdecken und mithilfe des Registers gezielt nachschlagen. Ich persönlich finde beim Lesen dieses Buches die Zufallsvariante besonders unterhaltsam. Man schnappe sich das Buch, suche sich einen gemütlichen Leseplatz und schlage dann einfach irgendeine Seite auf. Das Ergebnis ist immer eine Überraschung. Geprägt von dem berühmten Spruch zur Gründung Roms, der mit acht Worten sehr übersichtlich daherkommt (753 Rom kroch aus dem Ei), finden sich zu meinem Erstaunen auch zahlreiche Beispiele für umfangreichere Lerneinheiten, die ich mir als Kind gewünscht hätte. Gilt es z. B. sich die  16 Bundesländer mit ihren Landeshauptstädten zu merken, seien an dieser Stelle die „Bundesländer-Limericks“ empfohlen. Hoch im Norden fängt es an.

„Im Nebel trieb ein Surfer aus Kiel auf seinem Brett, er sah nicht mehr viel. Ach, wenn er wüsste: Ganz nah war die Küste. Schleswig-Holstein – das wäre sein Ziel.“ (S. 31)

Ergänzt werden die Texte von witzigen Illustrationen. Dem Autorenteam Eva Bade und Cordula Thörner ist somit ein originelles Lese-Lern-Bilderbuch gelungen, das man gerne zur Hand nimmt

Buchtipp von Minea Süss

Ab 6 Jahre.

Bade, Eva; Thörner, Cordula: Eselsbrücken – Merksätze, Gedichte und ganz viel Lustiges, Carlsen, 2016, € 12,99.

 

Familie Keck – Das wäre ja gelacht!

familie-keckEs gibt Situationen im Leben, da muss man die Gelegenheit einfach beim Schopf packen. Spot und Sue, ein pfiffiges Hyänenpärchen der Familie der Lachhyänen greifen beherzt mit beiden Pfoten zu, als sie an einem Gewässer im Masai Mara Nationalpark die Rucksäcke eines englischen Touristenpaares entdecken. Letztere sind der romantischen Idee und dem Bedürfnis eines erfrischenden Bades in freier Natur nachgegangen und dem kühlenden Nass leider nicht mehr entstiegen. Die Geschichte, die uns fortan von einem kecken Menschenkind unter dem Siegel des absoluten Wahrheitsgehaltes erzählt wird, ist ebenso absurd wie schräg und ungemein unterhaltsam und witzig. Ausstaffiert mit den Habseligkeiten der allzu abenteuerlustigen Touristen, gelingt es den beiden Savannenbewohnern nach England zu reisen. Geht nicht? Geht doch und zwar einfacher als gedacht. Man übe als Hyäne den aufrechten Gang, ziehe Menschenkleidung inklusive hübscher Kopfbedeckung an, lege am Flughafenschalter freundlich lächelnd den Reisepass neben das Flugticket und schon werden aus zwei wilden Tieren zwei nette Hausbesitzer in einer englischen Kleinstadt. Dort angekommen, erweisen sich die beiden als ein Musterbeispiel gelungener Integration. Mit der unverhofften Geburt quirliger Zwillinge ist das Glück perfekt. Leider wird das Leben dadurch aber auch etwas komplizierter. Schließlich gilt es darauf zu achten, dass die Schwänze des Nachwuchses für Menschenaugen unsichtbar bleiben und instinktive Verhaltensmuster der stets gut gelaunten Kinder in der Schule nicht für Stirnrunzeln beim Lehrpersonal sorgen. Schlimmer noch ist aber der chronisch bärbeißige Nachbar. Mit Argusaugen beobachtet er das turbulente Familienleben und sorgt für einiges Unbehagen. Wie so oft ist aber nichts so, wie es scheint. Ausgerechnet der ungeliebte Herr Kamuffel hat auch ein Geheimnis und erweist sich am Ende als wahrer Freund.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Clary, J.: Familie Keck – Das wäre ja gelacht!, cbt, 2016, € 10,99.

böse

0720_Schaerer_Boese_Cover_Z.inddDas ich beim Lesen und Betrachten eines Bilderbuchs plötzlich den Atem anhalte und mich nicht traue weiter zu lesen, geschweige denn die nächste Seite umzublättern, hätte ich mir nicht träumen lassen. Obwohl ich die Neuerscheinung von Lorenz Pauli und Kathrin Schäfer aus dem Atlantis Verlag nun schon mehrmals gelesen und angeschaut habe, stellt sich jedes Mal aufs Neue der Schreck über das Verhalten des Pferdes ein. Dabei beginnt die Geschichte eigentlich ganz harmlos. Um sich die Zeit zu vertreiben, haben sich die Bauernhoftiere Ziege, Hund, Taube, Pferd, Schweine und Katze ein Spiel ausgedacht. Nacheinander offenbaren sie den anderen eine Seite ihres Charakters, die Schabernack auf Kosten anderer treibt. Aber eigentlich sind sie ja alle brav und friedlich. Einleitend wird genau dies ausdrücklichst betont und umso größer ist der anschließende Spaß. Das allgemeine Gelächter verstummt erst in dem Moment, wo plötzlich die Maus auftaucht, um ihren Hunger mit ein paar Krümeln, die auf dem Boden liegen zu stillen. Ihr Hunger ist so groß, dass sie die anderen Tiere nicht bemerkt. Still und mit weit aufgerissenen Augen schauen nun alle auf die Katze. Doch da ist das Pferd plötzlich schneller. „Da hebt das Pferd sein rechtes Vorderbein. KLACK tritt das Pferd auf die Maus.“ Entsetzen und Sprachlosigkeit greifen um sich. Aus Spaß ist unversehens bitterer Ernst geworden. Am Ende ist es dem Weitblick und dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn des Pferdes zu verdanken, dass vermeintliche Boshaftigkeit tatsächlich Leben retten kann und gehörig zum Nachdenken anregt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 4 Jahre.

Pauli, Lorenz; Schärer, Kathrin: böse, Atlantis, 2016, € 14,95.

10 kleine Burggespenster gingen auf die Reise

10_kleine_Burggespenster_Vertreter_Cover.inddWas die Munterkeit in den frühen Morgen- bzw. Abendstunden angeht, gehört man entweder zu den Lerchen oder den Eulen. Ich für meinen Teil gehöre seit frühester Kindheit zu dem Frühaufsteher-Federvieh. Für Nachtwanderungen kann und konnte ich mich allerdings immer begeistern, schließlich macht man so etwas ja nicht jeden Tag. Angesichts der sehr ausgedehnten Wanderung, die die 10 kleinen Burggespenster von Susanne Göhlich zu nachtschwarzer Stunde unternehmen, bekommt man augenblicklich Lust, mit Taschen- oder Stirnlampe ausgerüstet loszuziehen, um in nahen und fernen Abenteuerwelten zu landen. Da man den sympathischen, stets gut gelaunten Gesellen nicht alles nachmachen muss, sollte man jedoch unbedingt auf die Vollständigkeit der Gruppe achten. Denn noch bevor es richtig losgeht, sind es nur neun Gespenster, die eine Reise durch die Nacht antreten. Im Verlauf der Unternehmung werden die unterschiedlichsten Ziele angesteuert und trotz aller Vorsicht verschwindet immer ein kleines Gespenst. Die aktuelle Anzahl lässt sich bildlich anhand des am oberen Bildrand angebrachten Registers nachvollziehen. Mit jedem Umblättern verschwindet eins der leuchtend weißen Nachtwesen. Passend dazu erzählt der ergänzende Reim, was zu dem Verschwinden geführt hat. Die Gründe für die stetige Verkleinerung der Reisegruppe sind vielfältiger Natur. Sie reichen von verschlafen, über Angst haben, Erschöpfung, Verzauberung bis hin sich in einen gemütlichen Sessel zurückzuziehen oder in einer Geisterbahn arbeiten. Am Abend jedoch, wenn die Sonne sich langsam neigt und am Horizont verschwindet, sind wie von Zauberhand alle Gespenster wieder in der Burg vereint und fallen nach all den Eindrücken und Erlebnissen in rechtschaffenen Schlaf. Manchmal gibt es eben gute Gründe, warum die Geisterstunde ausfällt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 3 Jahre.

Göhlich, Susanne: 10 kleine Burggespenster gingen auf die Reise, Orell Füssli, 2016, € 9,95.