Unser Weg so weit …

Vorletztes Wochenende war es wieder so weit. Hoch oben in der Luft tönte das typische Geschrei der  Kraniche. Im Gegensatz zu den letzten Jahren, war mir diesmal aber nur eine kleine Gruppe vergönnt, die sich in Pfeilformation über die Stadt hinweg bewegte. Faszinierend ist es dennoch. Jedes Jahr im Frühling und Herbst sammeln sich die Zugvögel, um gemeinsam hier anzukommen oder in den warmen Süden zu fliegen. Der einzige Kompass ist das innere Navigationssystem und das genetische Erbe der Vorfahren. Gemessen an der Größe der Tiere ist es kaum vorstellbar, dass sie tausende von Kilometern fliegend zurücklegen.

Laura Knowles und Chris Madden spüren dem Phänomen der Tierwanderungen auf kindgerechte Art nach und lassen auch Erwachsene fasziniert in dieses besondere Phänomen eintauchen. Das Anschauen der angenehm reduzierten Illustrationen bereitet ebenso ein Vergnügen, wie die kurzen, klar formulierten Texte. Letztere sind jeweils aus der Sicht der Tiere geschrieben und wirken ausgesprochen lebendig. Eine gewisse Dynamik entsteht auch durch die z. T. in leichten Bögen angeordneten Sätze. Ehe man sich versieht, ist man mit Lederschildkröte und Co auf einer Weltreise und kommt mit einem Sack voller neuer Erkenntnisse zurück. Oder hätten Sie gewusst, dass Rubinkehlkolibris pro Jahr ca. 12000 Kilometer fliegen? Und Monarchfalter in ihrem Winterquartier in riesigen Schwärmen von den Bäumen hängen und bis zum Frühling durchschlafen? Rentiere ihren Weg von Norden nach Süden in Kurven laufen? Dies sind nur einige wenige spannende und kuriose Fakten, die in dem kurzweiligen Sachbilderbuch zu finden sind.

Buchtipp von Minea Süss

Ab vier Jahre.

Knowles, Laura; Madden, Chris: Unser Weg so weit … Kleine Geschichten von großen Tierreisen, arsedition, 2018, € 16,00.

Superstarke Bakterien. Die geheimnisvolle Welt der Mikroben

Was Husten, Schnupfen, Heiserkeit und andere unangenehme und unschöne Symptome angeht, gehöre ich dieses Jahr zu den Wiederholungstätern. Eine eher raue und kratzige Stimme inklusive eines wenig erbaulichen Reizhustens trage ich nun schon über eine Woche nach dem letzten Infekt mit mir rum. Gut, ich bin damit nicht alleine. Aber in Phasen des Selbstmitleids, neige ich zu einer starken Ichbezogenheit. Ist zu Beginn einer Erkältung der Kopfschmerz verflogen, verstärkt sich diese, indem ich mich nur mit Büchern unterhalte. Die sind schließlich geduldig, haben einen langen Atem und widersprechen nicht. Als äußerst unterhaltsam und lehrreich hat sich in dieser Situation das wunderbare Sachbuch aus dem Dorling Kindersley Verlag erwiesen.  Von Bazillen geplagt, wollte ich eigentlich nichts von diesen für unser Auge unsichtbaren Wesen wissen, aber da die mikroskopisch kleinen Tierchen mich so nett vom Titelbild anschauten, habe ich dann doch einfach angefangen zu blättern. Eingehüllt in Schal und Decke, immer darauf bedacht den Tee nicht über das Buch zu schlabbern, versank ich in einer Welt, die sich nur unter dem Mikroskop anschauen lässt. Oder in großen und klaren Grafiken im Buch. Sind die Darstellungen der unzähligen Bakterien- und Virenarten schon beeindruckend, haben mich die Vergleiche noch mehr für das Buch eingenommen. Wenn ich nämlich eine Mikrobe wäre, dann wäre ein Reiskorn für mich größer als ein Berg und wenn der Berg wiederum ein Reiskorn wäre, dann hätte ein Mensch die Größe eines Bakteriums. Das Handy wiederum hätte im Vergleich dazu die Größe eine Handys. Toll, oder? Dreißig Themenbereiche verteilen sich auf jeweils eine übersichtlich gestaltete Doppelseite. So macht lernen Spaß.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 9 Jahre.

Mould, Steve: Superstarke Bakterien. Die geheimnisvolle Welt der Mikroben, Dorling Kindersley, 2018, € 12,95.

Eine Reise durch die Kunst und Weltgeschichte

Sommerzeit ist Urlaubszeit und damit für viele endlich wieder die Gelegenheit zum Buch zu greifen. Wer es sich in den Ferien im trauten Heim bzw. Garten, Park oder auf dem Balkon gemütlich macht, den Museumsbesuch zwar einplant, aber dann doch wieder in der Eisdiele landet, dem sei Aaron Rosens wunderbarer Band durch die Kunst- und Weltgeschichte ans Herz gelegt.

Um all die entlegenen und spannenden Orte zu besuchen muss man die eigene Komfortzone nicht verlassen. Es reicht das Buch aufzuschlagen und sich von den dargebotenen Inhalten in Bann ziehen zu lassen. Als Routenplaner fungiert in diesem Fall das Inhaltsverzeichnis. Der Buchweltenbummler kann zwischen drei großen Zeitfenstern wählen, die jeweils aus einem Zeittandem bestehen. So bilden die vorchristliche Zeit und die Antike ein Kapitel, Mittelalter und frühe Moderne sowie Moderne und zeitgenössische Kunst. Die bereisten Städte sind im Inhaltsverzeichnis  mit einer Jahresangabe versehen. Der Routenplaner ist damit auch gleichzeitig eine Zeitreisemaschine, die uns z. B. ins Rio de Janeiro im Jahr 2020 beamt.

Mein persönliches Vergnügen fusst jedoch auf dem Zufallsprinzip. Die Augen schließen und das Buch einfach aufschlagen. Mit dieser unkomplizierten Methode bin ich soeben im Dschungel von Kambodscha gelandet. Dort besuche ich nun die alte Hauptstadt Ankor im Jahr 1150.

Am Ende der Reise geht es dann erst so richtig los. Der Autor fordert ausdrücklich zu Museumsbesuchen mit Bleistift und Skizzenbuch auf. Ein Grund mehr, die Museen in der eigenen Stadt fest in den nächsten Eisdielenbesuch mit einzuplanen und zu entdecken.

Buchtipp von Minea Süss

Rosen, Aaron: Eine Reise durch die Kunst und die Weltgeschichte, Midas, 2018, € 19,80.

Fair für alle!

Angesichts der Präsenz von Umweltthemen, könnte man meinen, dass wir auf einem guten Weg sind. Auch der Verzicht vieler Kunden auf eine Plastiktüte bzw. die selbst mitgebrachte Tragetasche erweckt den Anschein eines zunehmenden Engagements und Bewusstseins für die Gefährdung unserer Umwelt.

Das weltweite Artensterben und eine fortschreitende Globalisierung sprechen eine andere Sprache. Sonja Eismann und Nina Lorkowski widmen sich diesem umfangreichen Thema, indem sie dem Begriff der Nachhaltigkeit nachspüren und die weltweiten Verflechtungen und daraus resultierenden Probleme aufzeigen. Dabei geht es den Autorinnen nicht darum den Zeigefinger zu erheben und der interessierten Leserschaft vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben und was sie in Zukunft tun dürfen und was nicht. Der Ansatz folgt vielmehr dem Bedürfnis Licht in den Schlagwortdschungel von Bio, Nachhaltigkeit, Fairtrade und Regional zu bringen sowie den Gesamtzusammenhang zu unmittelbar damit zusammenhängenden Themen wie Energie, Müll, Nahrung, Kleidung, Mobilität, Wohnen und Migration herzustellen.

Jedem der genannten Themen ist ein Kapitel gewidmet. Von den Anfängen bis in unsere Gegenwart, wird jeweils gut verständlich die Entstehungsgeschichte oder vielmehr der Ursprung des Problems beleuchtet, um abschließend die aktuelle Situation vorzustellen. Die gelungene Darstellung des hochkomplexen und hochaktuellen Themas kommt mit übersichtlichen 167 Seiten inklusive Abbildungen aus und unterliegt somit nicht dem Vorwurf allein aufgrund des Umfangs abschreckend zu wirken. Darüber hinaus animiert  die unterhaltsame und verständliche Darstellung zum Weiterlesen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 14 Jahre.

Eismann, Sonja; Lorkowski, Nina: Fair für alle. Warum Nachhaltigkeit mehr ist als nur „bio“, Beltz & Gelberg, 2016, € 16.95.

Im Gefängnis

Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hielt, war ich erschüttert; wohl wissend, dass auch bei uns in Deutschland Kinder im Gefängnis geboren werden, und es auch Kinder gibt, von denen ein Elternteil nicht in Freiheit lebt. Erst bei der näheren Auseinandersetzung mit dem Thema ist mir wieder eingefallen, dass eine ehemalige Mitschülerin von mir ebenfalls von dieser Problematik betroffen war. Vollkommen verdrängt hatte ich den Schulwechsel meiner Schwester, der notwendig wurde, nachdem sie über einen längeren Zeitraum von einem Jungen drangsaliert wurde, dessen Vater im Gefängnis war und kurz vor dem Ende der Haft stand. Die bevorstehende Entlassung des Vaters hat zu massiven Verhaltensauffälligkeiten des Jungen geführt, unter der verschiedene Kinder zu leiden hatten. Aber wie groß muss das Leid dieses Jungen und der gesamten Familie gewesen sein?

Ein unbequemes Thema, über das man gerne hinweg sieht, weil es einen ja nicht betrifft.  Die eigene kleine Welt ist eben übersichtlich und den allgemein gültigen Maßstäben nach einigermaßen heil und kuschelig. Für 100.000 Kinder gehört es aber zum Alltag, Vater oder Mutter im Gefängnis zu besuchen. Wie ein Leben mit einem inhaftierten Elternteil funktioniert erzählen Thomas Engelhardt und Monika Osberghaus in dem vorliegenden Buch. Außerdem erfährt man eine Menge über das Leben in Gefängnissen, über Probleme, die es dort gibt, über die Menschen, die dort arbeiten über Sehnsüchte und Wünsche aller Beteiligten. Zum besseren Verständnis gibt es im Anhang ein Glossar mit Gefängnisdeutsch und Knastsprache. Ein wichtiges Buch zu einem wenig beachteten Teil unserer Alltagsrealität.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Engelhardt, Thomas; Osberghaus, Monika: Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern., Klett Kinderbuch, 2018, € 14,00.

 

Calpurnias Tierstation – Ein neues Lämmchen

Beim Stichwort Lämmchen fällt Bullerbü-Fans sicherlich Pontus ein, der liebevoll mit der Flasche aufgezogen wird und als wissbegieriges Jungschaf die Kinder in die Schule begleitet. Des Weiteren denkt man bei Lämmchen auch unweigerlich an  Osterlämmer. Um Weihnachten herum geboren, springen sie wollig gelockt im Frühling über die Weide und sorgen bei großen und kleinen Betrachtern nicht selten für Laute des Entzückens.

In ihrer neuen Reihe „Calpurnias Tierstation“ geht es im ersten Band ebenfalls um ein Lämmchen. Umgeben von ihren Eltern, sechs Brüdern und den Großeltern wächst Calpurnia inmitten der Natur auf einem großen Hof auf. Dem Ansinnen der Mutter dem Kind eine damenhafte Erziehung zukommen zu lassen, entzieht sich das aufgeweckte Mädchen nicht nur durch ihre Eigenständigkeit, sondern auch durch die Hilfe Ihres Großvaters und des Tierarztes. Beide Männer fördern Calpurnias Begabung mit Tieren umzugehen nach Kräften und bestärken sie in ihren Fähigkeiten. Wer glaubt, Insekten fielen bei einer Verletzung aufgrund ihres filigranen Körperbaus aus dem Raster menschlicher Zuwendung, der irrt. Mit Erfindungsreichtum, Geduld und Hingabe gelingt es den gebrochenen Flügel eines Schmetterlings zu schienen und die Flugfähigkeit des Insekts wieder herzustellen. Die Beschreibung der Autorin ist so authentisch und detailliert, dass man den Vorgang mit Hilfe des Buches am lebenden Objekt nachvollziehen könnte. Bezogen auf die von Calpurnia unterstützte Geburt eines Zwillingslämmchens, das verkehrt herum im Mutterleib liegt, gilt dies ebenso. Das Mädchen kann die Situation meistern, weil sie sich daran erinnert, was sie im tierärztlichen Fachbuch dazu gelesen hat. Was sich übertrieben oder konstruiert anhört ist eine spannende und bereichernde Lektüre, die einzig auf einer früh entdeckten und geförderten Passion beruht.

Lesetipp von Minea Süss

Kelly, Jacqueline: Calpurnias Tierstation – Das neue Lämmchen, Hanser, 2018, € 10,00

Anatomie

So manches Mal habe ich mir schon gewünscht einen Röntgenblick zu haben. Das stetige in sich Reinhorchen hätte ausgedient, ein Blick auf die wehe Stelle am Bein und schon wüsste man mehr. Der Röntgenblick wäre natürlich allumfassend, Arztbesuche entfielen gänzlich, sprich man hätte ein rundum sorglos Paket zur Verfügung.

Den von mir zusammengesponnenen Röntgenblick kann uns das bibliophile Sachbuch von Hélène Druvert natürlich auch nicht bieten, aber ein detaillierter Blick in das Innere des Körpers ist dennoch möglich. In übereinander angeordneten Seiten, auf denen das Verdauungssystem, der Blutkreislauf, die Atmung, das Skelett und das Nervensystem in seiner Grundstruktur ausgeschnitten dargestellt ist, stellt sich nicht nur die Komplexität, sondern auch die Schönheit dieser fein strukturierten Innenwelt dar. Nach dieser Gesamtschau werden von oben nach unten, also vom Gehirn bis zu den Fortpflanzungsorganen einzelne Bereiche detaillierter behandelt. Dies geschieht mit großen, leicht zu öffnenden Klappen. Bevor mittels einer aufklappbaren schematischen Schädeldarstellung die einzelnen Gehirnareale gezeigt werden, wird auf der Frontseite der Klappe die Zusammensetzung des Schädels veranschaulicht. Kurze, gut verständliche Begleittexte vertiefen die bildliche Darstellung zusätzlich. Aufgrund der unterschiedlichen Darstellungsformen, die jeweils in sich geschlossen sind,  bietet das Buch eine Vielzahl verschiedener Zugangsmöglichkeiten. So ist es z. B. problemlos möglich, eine beliebige Seite aufzuschlagen und mitten drin zu beginnen. Das Gesamtkonzept besticht durch seine durchdachte Anordnung, gute Übersichtlichkeit und kunstfertige Ausgestaltung.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre

Druvert, H.: Anatomie, Das faszinierende Innenleben des Menschen, Gerstenberg, 2018, € 26,00.

Heimisch und doch fremd

Wer regelmäßig andere Länder bereist oder sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, hat sicherlich schon selber erfahren, wie leicht man aufgrund von Unwissen ins Fettnäpfchen treten kann. Zwar geben Reiseführer viele Tipps was Verhaltensregeln, kulturelle und religiöse Gepflogenheiten angeht, aber die Feinheiten, sprich die Nuancen ergeben sich erst im tatsächlichen Miteinander. Wer regelmäßig mit Menschen aus anderen Kulturen Kontakt hat, wird schnell merken, wie vielschichtig und umfassend die soziokulturelle Prägung ist.

Dank meiner syrischen Nachbarn, werde ich mit schöner Regelmäßigkeit genau damit konfrontiert. Der Zuzug verschiedenster Nationalitäten verändert nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch unseren Alltag. Nur im aufeinander zugehen, miteinander reden und sich austauschen, können Barrieren und Vorurteile abgebaut werden, kann Verständnis füreinander entstehen und Gemeinschaft wachsen.

Barbara Warning stellt in ihrem Buch junge Menschen verschiedener Nationalitäten mit gänzlich unterschiedlichen Motivationen ihr Heimatland zu verlassen vor. In fünf großen Themenblocks werden nicht nur die Gründe für das Verlassen des Heimatlandes aufgezeigt, sondern auch das Leben bei uns in Deutschland mit allem was dazugehört. Neben Beispielen Integration zu erleichtern, geht es auch um die Frage der Identität sowie kulturelle und religiöse Aspekte. Zu Beginn aber steht das Erlernen der Sprache. Hier sind vor allem Lehrer gefragt, die mit Herzblut bei der Sache sind. Ohne die stetige Motivation einer Lehrerin hätte z. B. Mukendi nach seiner Flucht aus dem Kongo nicht so schnell akzentfrei die Sprache lernen können. Obwohl die Eltern des jungen Mannes bis heute nicht so gut Deutsch sprechen, haben sie ihren Sohn nach Kräften unterstützt. So hat z. B. der Vater regelmäßig Hörbücher aus der Bücherei ausgeliehen. Heute studiert Mukendi Informatik. Jedes Porträt in dem Buch ist beeindruckend, berührend, bereichernd und authentisch. Ein gelungener Blick über den Tellerrand zwischen zwei Buchdeckeln.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Warnig, Barbara: Heimisch und doch fremd, Junge Migranten erzählen, wie Integration gelingt, Ravensburger, 2016, € 16,99.

Ich so Du so – Alles Supernormal

Die Welt ist bunt und jeder Mensch ist auf seine Art einzigartig. Die Labor Ateliergemeinschaft – bekannt für ihre ungewöhnlichen Buchprojekte – unterstreicht das Thema Individualität schon in der Präsentation der einzelnen Beiträge. Neben Bildcollagen finden sich Comics, Textbeiträge, Interviews, Fotos und Grafiken, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Beindruckend ist vor allem die Authentizität, mit der    hier Erwachsene, Kinder und Jugendliche aus ihrem Leben erzählen. Da ist zum Beispiel Philip.Philip hat ein Jahr lang eine Schule in Frankreich besucht. Anders als bei uns in Deutschland haben die Schüler dort Schultaschen in Form von Ranzen oder Aktenkoffern benutzt. Philip war der einzige mit einem Rucksack. Was bei uns als vollkommen normal wahrgenommen wird, weil die breite Masse es tut, machte Philip in Frankreich zum Außenseiter. Der Rucksack sorgte für negativen Gesprächsstoff, bis ein Mitschüler ebenfalls mit einem Rucksack auftauchte. Plötzlich wendete sich das Blatt und am Ende hatten ca. 20 Schüler ihre alte Schultasche gegen einen Rucksack getauscht. Sich gegenseitig als Inspirationsquelle nutzen und den anderen so akzeptieren und annehmen wie er ist, sollte unser aller Handeln leiten.

Spannend zu lesen sind auch die Kurzinterviews mit Erwachsenen, die sich in Fragen damit auseinandersetzen, was sie an sich nicht normal finden oder ob sie in der Vergangenheit etwas erlebt haben, dass sie als nicht normal empfunden haben. Die Antworten machen deutlich, dass jeder von uns etwas anderes als auffällig also nicht normal empfindet. Die anregenden und kurzweiligen Beiträge helfen den eigenen Standpunkt zur Frage nach Normalität bezogen auf Personen zu überprüfen und in Frage zu stellen.

Buchtipp von Minea Süss

Labor Ateliergemeinschaft: Ich so Du so, Alles Supernormal, Beltz, 2017, € 16,95.

Armut – Schüler fragen nach

Es gibt Themen, die sind unbequem, tabu oder unbequem und tabu. In den Medien wird zwar hin und wieder über Kinderarmut in Deutschland berichtet, aber zwischen einer auf Statistiken basierenden Berichterstattung und der persönlich vorgetragenen Erfahrung nicht die finanziellen Mittel zu haben, um sich einfach zwischendurch etwas zu kaufen, nur weil man es haben will und morgens vor einem leeren Kühlschrank zu stehen, liegen Welten. Gerade der leere Kühlschrank hat mich schockiert.

Armut ist eben nicht nur die fehlende Möglichkeit in Urlaub zu fahren, spontan ins Kino zu  gehen, einem Verein beizutreten, neue Kleidung zu kaufen, obwohl die alte noch tragbar ist, sondern tragischer Weise auch die fehlende Möglichkeit in ausreichender Menge Lebensmittel zu kaufen. Erst letzte Woche habe ich bei Rewe eine Tüte mit Grundnahrungsmitteln gekauft, die an Bedürftige weitergegeben werden. Mein Verdrängungsmechanismus wurde aber erst durch die Lektüre von Jutta Bauers Buch aufgebrochen. Es gibt Menschen, die können sich noch nicht einmal das leisten. Die von Jutta Bauer gesammelten Fragen von Schülern zu dem Thema beleuchten ganz unterschiedliche Seiten und dringen mit Fragen nach der Befindlichkeit auch emotional in tiefere Ebenen vor. Hier macht vor allem die Abwesenheit von Familie betroffen. Diejenigen,  die noch Kontakt haben, erleben diesen als Stütze und Motivation aber viele verneinen die Frage ohne weiteren Kommentar. Die Offenheit dieser Menschen, von denen sich viele trotz ihrer schwierigen Situation als zufrieden oder sogar glücklich bezeichnen, berührt und macht sehr, sehr nachdenklich.

Buchtipp von Minea Süss

Von 8 – 99

Bauer, Jutta: Armut – Schüler fragen nach, Carlsen, 2017, € 14,99.