Das Marsprojekt – Das ferne Leuchten

Als ich soeben feststellen musste, dass der Arena Verlag noch nicht das neue Cover der äußerst gelungenen Sciencefiction Reihe „Das Marsprojekt“ zur Verfügung stellt, war ich zuerst erstaunt und auch ein kleines Bisschen verärgert. Bei genauerer Betrachtung finde ich es allerdings ausgesprochen amüsant. Eine Reihe, die in der Zukunft spielt und es wert ist, ein neues Cover zu bekommen, hinkt nun,  rein optisch, dem aktuellen Stand der Dinge hinterher.

Der Luft- und Raumfahrtingenieur Andreas Eschbach wendet sich in der fünfbändigen Reihe einem Thema zu, mit dem intensiv verbunden ist und das seit seinem Erscheinen im Jahr 2001 nichts an Aktualität und Faszination eingebüßt hat. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Je mehr sich der Lebensraum auf der Erde als endlich erweist, desto stärker wird der Wunsch nach neuen Welten im Sinne von neuem Lebensraum.

Im ersten Band treffen wir auf vier Jugendliche. Alle sind auf dem Mars geboren und jeder auf der Erde weiß, dass Ariana, Ronny, Carl und Elina die ersten Menschen sind, die von Anfang an ihr Leben auf dem fernen Planeten verbringen. Angesichts der überschaubaren Einwohnerzahl, ist der Prominentenstatus für die die vier kein Problem. Wirkliche Beeinträchtigungen müssen sie aus ganz anderen Gründen hinnehmen. Der Sauerstoffvorrat reicht immer nur für eine halbe Stunde, dann muss dringlichst Nachschub her. Wenn man mit diesem Problem aufwächst, hat man es verinnerlicht und begibt sich nicht unnötig in Gefahr. Es sei denn, man nimmt in der Ferne etwas wahr, was eine derart große Anziehungskraft hat, dass alles andere keine Rolle spielt. Etwas, dass man schon mehrmals gesehen hat und von dem alle anderen glauben es existiere nicht.

 

Buchtipp von Minea Süss

Ab 13 Jahre.

Eschbach, Andreas: Das Marsprojekt, Das ferne Leuchten, Arena, 2001, € 10,00.

 

Cat Deal – Die Kunst zu stehlen

Wer mit 16 Jahren seinen Lebensunterhalt mit Fassendklettern und Einbrüchen in Wohnungen und Häuser wohlhabender Londoner bestreitet, hat zweifelsohne eine Menge kriminelle Energie. Wer mit 16 Jahren alleine auf einem Hausboot wohnt, weil das geliebte Haustier in Gestalt von Ratte Simon nicht mit den Hygienevorschriften mit dem von der Tante betriebenen Pub in Einklang zu bringen ist, nicht im Chaos versinkt, regelmäßig die Schule besucht, bei außerordentlicher Intelligenz passable Noten hat, weil man gerade das Nötigste tut, hat offenbar ein paar wesentliche Dinge fürs Leben bereits verinnerlicht.

Cat, die als Achtjährige bei einem Attentat ihren Vater verloren hat und deren Mutter unbekannt ist, lebt zunächst einige Jahre bei ihrer Tante, bis sie mit besagtem Haustier auszieht. Ihre Karriere als Diebin verläuft rasant und beginnt aus einer Laune heraus. Wohlwissend, wie es ist mit wenig Geld auskommen zu müssen und für dieses Wenige hart zu arbeiten, beschließt sie nur ausgesprochen Wohlhabende Leute zu bestehlen. Natürlich ändert dies nichts an der Tatsache, dass sie gegen das Gesetz verstößt, aber das hat Robin Hood schließlich auch und spätestens seit dieser charismatische Held Eingang in den literarischen Kanon gefunden hat, weiß man um die Schwierigkeit zwischen Gesetz und Gerechtigkeit. Genau an diesem neuralgischen Punkt setzt Kate Frey mit ihrer bestechend konstruierten Geschichte an.

In Lord Peter findet Cat einen Mentor, der es sich als angesehenes Mitglied der Londoner High Society zur Aufgabe gemacht hat, Beutekunst aus dem Zweiten Weltkrieg ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Der Blick hinter die Kulissen des weltweiten Kunstbetriebs ist verstörend und spannend und einmal mehr wird die Frage nach Recht und Gerechtigkeit bzw. Moral und Unmoral aufgeworfen.

Buchtipp von Minea Süss 

Ab 13 Jahre.

Frey, Kate: Cat Deal. Die Kunst zu stehlen, Ueberreuter, 2017, € 14,95.

Travis Delaney – Was geschah um 16:08?

travis-delaneyManchmal schlägt das Schicksal gleich zweimal hintereinander unbarmherzig zu. Nach dem tragischen Unfalltod von Travis Eltern, bemerkt der dreizehnjährige Junge trotz der ihn immer wieder übermannenden Gefühle auf der Beerdigung eine Person, die nicht in den Kreis der Trauernden gehört. Nicht nur die Frage nach der Identität des Unbekannten sondern auch die Frage, warum der Mann mit einer Knopflochkamera die Beerdigung filmt, führt unmittelbar zu dem letzten Fall, an dem Travis Eltern als Privatdetektive gearbeitet haben. Angetrieben von dem unbedingten Wunsch, Gewissheit über die wahre Unfallursache zu erlangen, beginnt der Junge akribisch jedes noch so kleine Detail zu verfolgen und Stück für Stück zu einem Bild zusammenzusetzen. Wider besseren Wissens, setzt er sich bei seinen Recherchen mehr als einmal über die Anordnungen seines Großvaters hinweg und begibt sich in gefährliche Situationen. Dabei handelt er weder unreif, noch lässt er sich von reiner Abenteuerlust zu seinen Alleingängen hinreißen. Eindrucksvoll schildert Kevin Brooks die emotionale Befindlichkeit des Jungen. Hin- und Hergerissen zwischen dem Wunsch auf seinen Großvater zu hören und dem Bedürfnis das Verbrechen an seinen Eltern aufzudecken, folgt er letztlich seinen Instinkten und gerät dabei zwischen die Fronten zweier Geheimdienste. Unterstützung und ein offenes Ohr findet er immer wieder bei seinen Freunden, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft geübt sind im Anwenden und Ersinnen pragmatischer und unkonventioneller Überlebensstrategien im Alltag. Diesem Einsatz ist es auch zu verdanken, dass am Ende zumindest der letzte Fall, an dem seine Eltern gearbeitet haben aufgeklärt werden kann. Die Trilogie um den authentisch dargestellten Jungen lässt sich nicht auf die klassische Spannungsliteratur reduzieren. Der Aspekt der Trauer in all ihren Ausprägungen begleitet die Lesenden durch alle drei Teile und macht Mut sich diesem überwältigenden Gefühl zu stellen und als Teil seiner selbst zu akzeptieren.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 12 Jahre.

Brooks, Kevin: Travis Delaney – Was geschah um 16:08?, dtv, 2016, € 10,95.

 

 

Jackaby

JackabySpätestens bei der Lektüre von William Ritters „Jackaby“, merkt der eingeschworene Harry Potter Fan, wie umfangreich sein Wissen über magische Wesen jeglicher Art ist. Hausgeister, Kobolde, Rotkappen und Banshees – um nur einen Bruchteil der paranormalen Erscheinungen zu nennen – sind uns so vertraut, wie die Nachbarn von nebenan. J. K. Rowling hat also wahrlich Aufklärungsarbeit geleistet und wer nun meint, William Ritters Figur des auf übernatürliche Phänomene spezialisierten Privatdetektivs sei ein müder Abklatsch eines im 19. Jahrhundert auf Geisterjagd gehenden Ermittlers, der in seiner Schmächtigkeit verdächtig an den Jungen mit der gezackten Narbe auf der Stirn erinnert oder einmal mehr den aus der Literatur ebenfalls hinlänglich bekannten Berufsstand des Geisterjägers  bemüht, kann sich beim Lesen vom Gegenteil überzeugen. Denn der wahre Held ist nicht der mit Expertenwissen ausgestattete Detektiv, sondern die junge Ausreißerin Abigail Rook. Ausgestattet mit einem wachen Verstand und dem Forschergeist ihres Vaters, schwebt Abigail ebenfalls eine Tätigkeit als Anthropologin bzw. Paläontologin vor. Die Vorstellung im Hörsaal zu sitzen, nimmt ihr schier die Luft zum Atmen und ehe man sich versieht, macht sich das behütet aufgewachsene Mädchen allein auf den Weg, um in Jungenkleidern an einer Ausgrabung teilzunehmen. Mit einer gesunden Portion Selbstironie, einem sicheren Gespür für Situationskomik und dem Mut, auch dann zu seinen Entscheidungen zu stehen, wenn es nicht nur unbequem, sondern auch gefährlich wird, nimmt einen schnell für diese in ihrer Zeit vollkommen unkonventionelle und gegen den Strom schwimmende Protagonistin ein. Denn wie viele weibliche Detektiv-Assistentinnen, die sich schon nach kurzer Zeit Detektivin nennen dürfen wird es 1892 schon gegeben haben?

Buchtipp von Minea Süss

Ab 12 Jahre.

Ritter, William: Jackaby, cbt, 2016, € 9,99.

Die Wahrheit, wie Delly sie sieht

die_wahrheit_wie_delly_sie_sieht-9783423626149In ihrer steten Suche nach Abenteuern und Spaß, einem unbändigen Freiheitsdrang, gepaart mit einem unfassbaren Talent Regeln außer Kraft zu setzen, indem man sie schlicht ignoriert und der Gabe keinem, wirklich keinem Streit aus dem Weg zu gehen, erinnert die Protagonistin von Kathrine Hannigan von Ferne an eine Verschmelzung von Michel aus Lönneberga und Pippi Langstrumpf in moderner Gestalt.

Was fidel und munter beginnt, lässt einem schon nach wenigen Seiten den Atem stocken. Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen und Ärger über sich selber kennt wahrscheinlich jeder von uns in irgendeiner Form. Stellen Sie sich aber vor, Sie geraten als Kind an einen Punkt, wo Sie von sich selber denken Sie seien ein schlimmer Mensch. Ein Mensch, der immer nur für Unruhe, Unmut, Unverständnis und Unbehagen sorgt. Ein Mensch, dem mit elf Jahren gesagt wird, „Wenn du noch ein einziges Mal Ärger machst, ist es aus. Dann schicken wir dich in eine Schule für schlimme Kinder.“ (S. 60) Ähnlich wie Michels Mutter glauben und wissen Dellys Eltern um den guten Kern ihrer Tochter. Wissen, dass hier eine kaum zu bändigende Lebens- und Entdeckerlust am Werke ist, die – wie auch immer – in ruhigere Bahnen gelenkt werden muss. Die Frage nach dem Wie kann von den verantwortlichen Erwachsenen jedoch zunächst nur mit einer Drohung beantwortet werden. Erst die unverbrüchliche und verzweifelte Liebe des kleinen Bruders und die tiefe Freundschaft der in Schweigen gehüllten Ferris helfen Delly zu sich selbst zu finden und sich in die sie umgebenden Menschen hineinzuversetzen. Eine Gabe, die der vom Schicksal ebenfalls gebeutelten Ferris die Tür in eine unbeschwerte und unbelastete Zukunft öffnet.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Hannigan, Kathrine: Die Wahrheit, wie Delly sie sieht, dtv, 2015, € 8,95.