Der Fall des verschwundenen Lords

Das Sherlock Holmes einen Bruder hat, ist bekannt. Eine um viele Jahre jüngere Schwester hingegen ist der Feder von Nancy Springer entsprungen. Die vierzehnjährige Enola, deren Name von hinten gelesen das Wort alone, also alleine ergibt, sieht sich ausgerechnet an ihrem Geburtstag damit konfrontiert, dass ihre Mutter verschwunden ist. Die beiden Brüder Sherlock und Mycroft hat sie seit dem Tod des Vaters vor zehn Jahren nicht mehr gesehen. Neben der Mutter hat sie einzig in der Haushälterin Mrs. Lane eine Person, die ihr Zuneigung und Fürsorge entgegenbringt. Als vollkommen unerwarteter Nachkömmling ist das Mädchen von Klein auf daran gewohnt als Schandfleck der Familie zu gelten.

Der höchst lesenswerte Krimi ist weniger wegen des entführten Lords, also des Verbrechens interessant und spannend, als aufgrund der eigenständigen und unangepassten Hauptfigur, die mit den Tücken gesellschaftlicher Konventionen zu kämpfen hat. Enola trauert um ihre Mutter, die ihr zwar in Gestalt eines selbstgemachten Büchleins mit Geheimcodes zahlreiche Hinweise zu Verstecken mit Geld hinterlassen hat, aber an keiner Stelle verrät warum sie ihr jüngstes Kind verlassen hat und wo sie sich befindet. Zumindest die Frage nach dem Warum wird Enola im Laufe der Zeit immer klarer. Ihre Mutter wollte sich weder von einem Korsett, noch von engstirnigen Denkmustern einengen lassen. Mit dem zur Seite geschafften Geld gelingt es der Mutter ihrer Nachgeborenen die Möglichkeit sich ebenfalls zu befreien und eigene Wege zu gehen zu eröffnen. Dieser Weg in die Selbstständigkeit ist spannender als jeder Krimi.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahren.

Springer, Nancy: Der Fall des verschwundenen Lords, Knesebeck, 2019, € 15,00.

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