Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

9783219115468-300x262So manches Mal fiel mein Blick in den letzten Jahren auf den alten Birnenbaum, der den Weg zum Supermarkt verschönt. Dieses Jahr schmückt sich der Baum in überbordender Fülle mit großen, prallen Früchten. Letzte Woche drang dann unversehens ein zartes Stimmchen an mein Ohr. Ob ich Birnen kaufen wolle, fragte der junge Geschäftsmann im besten Grundschulalter und bot auch gleich  eine Kostprobe der frisch geernteten  Früchte feil. Schnell wurden wir uns handelseinig und ich trat mit vier Birnen den Heimweg an. Es dauerte nicht lange und einzelne Verse von Theodor Fontanes berühmtem Herbstgedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ schwirrten mir im Kopf herum. Ein guter Grund, um die bibliophil gestaltete Ausgabe mit Leinenrücken, illustriert von Bernd Streiter in die Hand zu nehmen und in den unvergleichlichen Bildern aus einer fernen Zeit zu versinken und den klangvollen Text neu zu entdecken. Die ländliche Idylle ist von zerbrechlicher Natur und nur solange von Dauer, wie der alte Herr von Ribbeck die Fäden in der Hand hält. Den eindrucksvoll zum Ausdruck gebrachten Generationenkonflikt habe ich erst jetzt richtig zur Kenntnis genommen.

„Aber der alte, vorahnend schon und voll Misstrauen gegen den eigenen Sohn, der wusste genau, was damals er tat, als um eine Birn ins Grab er bat, und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus, ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.“

In einer Gesellschaft, die Lebensmittel im Überfluss hat, zeugt es von Weitsicht und einer gehörigen Portion Pragmatismus, wenn man als Familie beschließt, die reiche Ernte, die man nicht verwerten kann gegen einen kleinen Obolus zu verkaufen. Herr von Ribbeck hätte hieran bestimmt Gefallen gefunden.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 6 Jahre.

Fontane, Theodor: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, Annette Betz, 2012, €14,95.

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