Nur ein Tag

65a8fe01e8ca71d05fc7de877512f7eeSkeptisch, ja sorgenvoll trug ich das neue Buch von Martin Baltscheit nach Hause. Eine Geschichte über eine Eintagsfliege, die am Ende tatsächlich stirbt, ist doch bestimmt traurig, was gibt es da schon zu erzählen? Zu erzählen gibt es viel, so viel, wie ein prall gefülltes Leben eben an Geschichten und Erlebnissen, die es wert sind aufgeschrieben zu werden, hergibt. Auch wenn es schwer vorstellbar ist, aber das Leben des Eintagsfliegenmädchens, dem Fuchs und Wildschwein beim Schlüpfen zusehen, um fortan den einen zur Verfügung stehenden Tag zu begleiten, ist erfüllt und schön. Und wenn man es aus der Sicht der Eintagsfliege sieht, dann ist dieser Tag auch nicht der einzige, sondern „er ist nur der letzte“ (S. 93). In dieser schlichten Feststellung der kleinen Eintagsfliege steckt eine weit greifende Einsicht in das Leben ihrer Gattung. Vom Ei über verschiedene Larvenstadien, findet das Leben einer Eintagsfliege mit dem Schlüpfen seine Vollendung, um am Ende des Tages mit der Eiablage den Zyklus von Werden und Vergehen zu vollenden. Aber was passiert, wenn man nach dem Schlüpfen die Bekanntschaft von Fuchs und Wildschwein macht? Die Natur folgt ihrem Lauf, soviel darf verraten werden, aber dank der beiden sentimentalen und vor Verzückung ob des quirligen Eintagsfliegenmädchens ganz verzauberten Herren, erlebt sie tatsächlich ein ganzes Leben innerhalb weniger Stunden. Im Mittelpunkt aller Geschehnisse steht die tief empfundene Zuneigung zu der kleinen Freundin und der unbedingte Wille ihr Gutes zu tun. Ungezwungen nimmt sich Martin Baltscheit eines sensiblen Themas an und zeigt, dass man für Freundschaft und Liebe nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt sein muss und dass jedem Abschied ein neuer Anfang innewohnt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 6 Jahre.

Baltscheit, Martin: Nur ein Tag, Dressler, 2016, € 12,99.

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